Donnerstag, 17. April 2014

Langdistanztraining 2014 (Teil 3)


Dienstag, 25. März. Die Stimmung beim Frühstück war schon mal besser. Es ist kurz nach sieben, ich bin müde und allein bei dem Gedanken an die kommenden Stunden wird mir kalt. Meinen Mitschwimmern sehe ich an, dass es ihnen ähnlich geht. Dabei haben die meisten das Long Distance Training Camp hauptsächlich wegen dieses Tages gebucht: Sechs Stunden wollen die drei Ärmelkanalaspiranten Jo, Phia und Tom heute im 13-15 Grad kalten Wasser schwimmen, am Stück, und ohne sich in dieser Zeit irgendwo festzuhalten oder festen Boden zu berühren. Sie müssen einen solchen „6 hour qualifier“ bestehen, bevor sie sich als Soloschwimmer auf den Weg durch den Ärmelkanal machen. 

Jo wird im Rahmen ihrer Challenge "From Arch to Arc" mit Neoprenanzug und -haube von Dover nach Calais schwimmen, Phia und Tom wollen ganz klassisch in Badehose beziehungsweise -anzug und normaler Badekappe starten. Sue plant für diesen Sommer keine Soloquerung des Ärmelkanals, sondern wird an einer Staffel teilnehmen. Dafür muss sie nur zwei Stunden am Stück nachweisen. Trotzdem will sie heute unbedingt die vollen sechs Stunden durchhalten. Für meine geplanten 14 und 15 Kilometer beim Wakenitzman und beim Neuruppiner Langstreckenschwimmen brauche ich keine Qualifikation. Aber weil ich es bei meinen Kaltwasser-Langdistanztrainings in 2012 und 2013 nicht länger als 3 Stunden und 40 Minuten ausgehalten habe, nehme ich mir für heute vier Stunden vor. Falls mehr geht: fein. Falls es nicht klappt: auch gut. 

Im Augenblick bezweifle ich allerdings, dass ich mehr als zwei oder drei Stunden schaffe. Mir fehlt schlicht die Motivation. Und die iinsgesamt acht Stunden von gestern und vorgestern stecken mir noch in den Knochen. Die dichte Wolkendecke über uns macht die Sache nicht besser, kaltes Wasser ist leichter zu ertragen, wenn wenigstens von oben etwas Wärme kommt. 

Als unser Mentor und Betreuer Kevin mich fragt, ob ich die sechs Stunden angehen will, zögere ich. Er weiß, dass ich keinen Nachweis brauche. Aber wenn ich es auf die vollen sechs Stunden anlege, wird er es mir nicht leicht machen, falls ich es mir unterwegs anders überlege. Bevor ich mir eine Antwort zurechtlegen kann, ruft Sue mir ein „We can do this, Stella!“ zu. Dabei guckt sie selbst nicht gerade zuversichtlich. „Mitgehangen, mitgefangen", denke ich und nicke ihr und Kevin zu.

 
Unsere 6 Stunden-Bucht (na ja, ein Teil davon).

Keine Stunde später sind wir auf dem Boot und steuern eine langgezogene, schmale Bucht an. Immerhin sind wir darin vor dem kalten Wind einigermaßen geschützt. Bevor wir ins Wasser gehen, bekommen wir von unseren Betreuern noch reichlich Vaseline auf Hals, Achseln und Innenseiten der Oberarme und –schenkel aufgetragen, um schmerzende Scheuerstellen zu verhindern.

Um 8:45 Uhr sind wir im Wasser. Obwohl es sich im ersten Augenblick nicht so kalt anfühlt wie befürchtet, verdränge ich den Gedanken daran, dass ich mindestens bis 12:45 Uhr schwimmen will und nehme mir vor, nur von Runde zu Runde zu denken. 
 
Unser Boot ankert in der Nähe eines kleinen Strandes und dient als Verpflegungsstation und Wendepunkt auf unserem Rundkurs durch die Bucht. Am entgegengesetzten Ende markiert eine Boje den anderen Wendpunkt der Strecke. Irgendwo dazwischen platzieren Trish und Fiona zu unserer Orientierung eine zweite Boje. Während die beiden in ihren kleinen Booten unentwegt neben unserer Strecke patrouillieren, versorgt Kevin uns vom großen Boot aus ungefähr alle 30 Minuten mit warmem „Maxi“ und einem Stück Banane oder Pfirsich. Zu unserer Sicherheit stellt er uns dabei einfache Kontrollfragen, das kann der eigene Vorname sein oder die Zahl der Finger an einer Hand. Wer stark verzögert, falsch oder gar nicht antwortet, ist möglicherweise unterkühlt und muss in dem Fall auch sofort raus aus dem Wasser. 

Aus demselben Grund zählen Fiona und Trish von ihren Booten aus immer wieder die Zahl unserer Armzüge pro Minute. Verringert sich diese spürbar, kann auch dies eine Unterkühlung oder sonstige Probleme anzeigen. Dann wird zunächst geprüft, wie die Schwimmer auf Kontrollfragen reagieren, ob ihre Lippen blau gefroren sind oder Finger weiß und es wird gefragt, wie sie die Verpflegung vertragen und ob sie sich zum Beispiel übergeben haben. Gegengesteuert wird mit angepasster Verpflegung oder „warmschwimmen“ durch eine höhere Armzugfrequenz und mehr Beinarbeit. Bleiben Zweifel, wird der Schwimmer aus dem Wasser geholt. 

Zweieinhalb Runden lang ist alles gut. Das Wasser ist sehr klar und relativ ruhig, die Kälte auszuhalten. Ich habe – wie immer auf langen Strecken – meine Uhr um und weiß daher bald, dass ich für eine Runde 15-16 Minuten brauche. Die Länge des Rundkurses schätze ich auf 350 bis 400 Meter. Lang genug, um zwischen den Wendepunkten ein paar Minuten entspannt geradeaus zu schwimmen. Als ich mich zum dritten Mal der Wendeboje nähere, sehe ich ein paar Meter unter mir eine Feuerqualle. Ich hoffe, dass es ein versprengtes Einzelexemplar ist und dass sie nicht weiter in Richtung Wasseroberfläche schwebt. Mit dem entspannten Schwimmen ist es aber erstmal vorbei. Ich halte den Kopf unter Wasser viel zu hoch, weil ich sehen will, ob direkt vor mir Feuerquallen unterwegs sind. 

Als ich die Wendeboje das nächste Mal ansteuere, entdecke ich an einer anderen Stelle und knapp unterhalb der Wasseroberfläche eine andere Qualle. Sie ist fast durchsichtig, in Größe und Form ähnelt sie ansonsten einer mittelgroßen Aubergine. Ich hab keine Ahnung, was das für eine Qualle ist und ob sie zu denen gehört, die nesseln oder brennen. Vorsichtshalber schwimme ich weiträumig um sie herum. Auf Höhe der Wendeboje sehe ich nur etwa zwei bis drei Meter unter mir drei Feuerquallen und in deren Nähe eine weitere Qualle, die ich wieder nicht zuordnen kann. „Ok, das wars“, schießt es mir durch den Kopf. 

Wenn ich Feuerquallen sehe und weiß, dass ich ihnen auf meinen Runden immer wieder begegnen werde, ist der Spaß für mich vorbei. Ich schwimme in Richtung Verpflegungsboot und treffe dabei prompt auf Qualle Nr 2. Das ist die, die ich auf dem Hinweg nicht zuordnen konnte und der ich deshalb ausgewichen bin. Als ich sie sehe, ist es bereits zu spät. Trotz abrupter Ausweichbewegung berühre ich sie mit meinem rechten  Ellenbogen und bin auf alles gefasst. Aber: nichts passiert. Puh, also keine Feuerqualle. Oder nur günstig getroffen. Egal, ich will raus aus dem Wasser, aufs Boot. 

Ich steuere direkt auf die Leiter an der Bordwand zu. Aber bevor ich danach greifen und hochklettern kann, höre ich Kevin fragen, was los ist. „Jellyfish“, antworte ich knapp, den Tränen nah. Ich ahne, was jetzt kommt. Unsere Betreuer werden mich kaum einfach so aufgeben lassen, nach nicht mal einer Stunde im Wasser. Da taucht auch schon Fiona mit ihrem kleinen Boot neben mir auf. „What’s wrong?“ fragt sie. Ich erzähle von meinen Quallensichtungen. Sie willen wissen, wo genau sie sind. Dann fordert sie mich auf, ab jetzt immer nur bis zur ersten Boje zu schwimmen. Ja, hätte ich auch selbst drauf kommen können. 

Ich drehe von nun an also verkürzte Runden, während Jo, Phia, Sue und Tom den alten Kurs beibehalten. In dieser zweiten Stunde passiert nicht viel, Quallen sehe ich nicht, nur ein paar Fische. Ab und an kommen mir die anderen entgegen oder überholen mich. Nur Sue ist etwas langsamer als ich und wir schwimmen ab und an eine Weile nebeneinander her. Eigentlich ist alles gut. Mir ist kalt, aber das kenne ich ja schon. Und ich weiß, dass ich diese Kälte mindestens drei Stunden lang aushalten kann. Will ich aber nicht. Wieder einmal fest entschlossen aufzuhören, baue ich mich wassertretend neben dem großen Boot auf. Weil Sue dort aber gerade einen Verpflegungsstopp einlegt, sage ich erstmal nix. Als sie  weitergeschwommen ist rufe ich Kevin zu, dass ich genug habe. Völlig unbeeindruckt reicht er mir einen Becher Maxi über die Bordwand und sagt, dass ich erst zwei Stunden im Wasser bin und jetzt nicht einfach aufgeben solle. „It’s a matter of pride“, sagt er außerdem. Ich schwimme vorerst weiter. 

Gegen Ende der dritten Stunde kenne ich jeden Stein und jede Pflanze und jeden Fischschwarm auf meiner Runde. Mir ist kalt, mir ist langweilig, mir fehlt Abwechslung und Gesellschaft. Und immer wenn ich am großen Boot vorbeikomme, dreht mir Kevin demonstrativ den Rücken zu. Und weil ich noch auf der kürzeren Runde unterwegs bin, kann ich seltener neben Sue herschwimmen. Ich starte meinen dritten Versuch, aufzuhören und baue mich wieder einmal neben dem Boot auf. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Trish die Situation sofort erfasst hat. Sie steuert ihr Boot auf uns zu, um Kevin zu unterstützen. Der erinnert mich an meine zehneinhalb Stunden am Stück durch den Zürichsee und findet, dass die paar Stunden heute ja wohl ein Klacks seien. Trish sekundiert mit aufmunternden Worten. Ich verkneife mir den Hinweis auf die doppelt so hohe Wassertemperatur im Zürichsee – und schwimme weiter. Sogar mit dem Kopf im Wasser höre ich, dass Trish mich jubelnd anfeuert. Immerhin.


Ohne Leiter kein Ausstieg. Doof für die, die im Wasser sind und aufs Boot wollen.

Die komplette nächste Stunde lang kämpfe ich weiter mit mir, Runde für Runde, Atemzug für Atemzug, Armzug für Armzug. Mir ist immer noch kalt, ich komme nicht richtig voran und langweilig ist mir auch noch. Sechs Stunden durchhalten? Unmöglich. Dass ich schon mehr als die Hälfte geschafft habe, interessiert mich gerade nicht. Ich fange sogar an zu hoffen, dass jemand anderes aus unserer Gruppe aufgibt, damit ich auch aufgeben kann. Passiert aber nicht. Nach dreieinhalb Stunden treffe ich Sue wieder neben dem großen Boot. Wie am Vortag erkundigt sie sich zähneklappernd, wie es mir geht. Dann ruft sie ein aufmunterndes „Let’s do it“ und wir schwimmen weiter. Aber es wird nicht besser. Als die vier Stunden endlich um sind, ist mein Minimalziel für heute erreicht. Erneut steuere ich mit Abbruchgedanken auf das Verpflegungsboot zu. Weil das Wasser so klar ist, sehe ich aber schon aus einiger Entfernung, dass die Leiter weg ist. Und schwanke prompt zwischen zwischen Ärger („Wie komme ich jetzt aufs Boot?“) und Belustigung. Später höre ich, dass Phia und Tom auch schon recht früh hatten aufhören wollten und es ebenfalls regelmäßig immer wieder versuchten. Kein Wunder, dass Kevin alle Register zieht, damit möglichst viele von uns auf ihre sechs Stunden kommen.

Kevin hält mir schon einen Becher Maxi über die nun leiterlose Bordwand entgegen. „What happened to the ladder?" frage ich. Er zuckt wortlos mit den Schultern, guckt mich freundlich an und signalisiert mir mit einer Hand, weiter zu schwimmen. Ich sage nichts, trinke den Becher leer und erwäge, den nahegelegenen Strand als Ausstieg zu nutzen. Aber mir ist immer noch sehr kalt, und an Land ist es heute auch nicht viel wärmer als im Wasser. Wenig verlockend auch die Aussicht, frierend am Strand herumzustehen, während Kevin vom Boot aus versuchen würde, mich zum Weiterschwimmen zu bewegen. „Where's the ladder?“ ruft Sue in dem Augenblick. Auch sie hat beim Heranschwimmen sofort bemerkt, dass die Leiter fehlt, und auch sie bekommt ein Schulterzuckern zur Antwort und einen Becher Maxi. Später wird Kevin sagen, dass ich ihn völlig verärgert angesehen habe, während Sue einfach nur resigniert wirkte. Aber er hat sein Ziel vorerst erreicht, wir schwimmen beide weiter. 

Fünfzig Minuten später starte ich noch einmal einen Versuch. Ich bitte Kevin, die Leiter herunterzulassen und sage ihm, dass ich mit der erreichten Zeit im Wasser völlig zufrieden sei. Und die anderen würden den Rest auch ohne mich schaffen. Er fragt, ob ich wüsste, dass ich nur noch eine Stunde vor mir habe. Ich bejahe das. Er erinnert noch einmal an Zürich und fordert mich auf, weiter zu schwimmen. Ich will aber aufs Boot. Da kommt auch schon Fiona angefahren und schlägt fröhlich vor, wenigstens noch eine weitere Runde zu schwimmen. Ich würde das schon schaffen. Eine Diskussion mit diesen beiden, zumal in englisch, erscheint mir plötzlich viel anstrengender als die paar Runden, die noch vor mir liegen. Wieder einmal schwimme ich weiter. 

Und langsam dämmert es mir, dass ich die sechs Stunden tatsächlich schaffen kann. Ich traue mich sogar wieder bis zur entfernten Boje. Keine Quallen mehr zu sehen. Aber in den restlichen zehn Minuten der sechs Stunden umrunde ich ungeduldig ein ums andere Mal nur noch das große Boot, Jo, Phia, Tom und Sue tun es mir nach. Als Kevin die Schiffsglocke läutet, haben wir es geschafft. :-)


Stolz wie Oskar: Jo, Sue, Fiona, Kevin, Phia, ich, Tom und Trish.

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