Dienstag, 25. März. Die Stimmung beim
Frühstück war schon mal besser. Es ist kurz nach sieben, ich bin müde und allein bei
dem Gedanken an die kommenden Stunden wird mir kalt. Meinen
Mitschwimmern sehe ich an, dass es ihnen ähnlich geht. Dabei haben die meisten das
Long Distance Training Camp hauptsächlich wegen dieses Tages gebucht: Sechs
Stunden wollen die drei Ärmelkanalaspiranten Jo, Phia und Tom heute im 13-15
Grad kalten Wasser schwimmen, am Stück, und ohne sich in dieser Zeit irgendwo
festzuhalten oder festen Boden zu berühren. Sie müssen einen solchen „6 hour
qualifier“ bestehen, bevor sie sich als Soloschwimmer auf den Weg durch den
Ärmelkanal machen.
Jo wird im Rahmen ihrer Challenge "From Arch to Arc" mit Neoprenanzug und -haube von Dover nach Calais schwimmen, Phia und
Tom wollen ganz klassisch in Badehose beziehungsweise -anzug und normaler
Badekappe starten. Sue plant für diesen Sommer keine Soloquerung des Ärmelkanals,
sondern wird an einer Staffel teilnehmen. Dafür muss sie nur zwei Stunden
am Stück nachweisen. Trotzdem will sie heute unbedingt die vollen sechs Stunden
durchhalten. Für meine geplanten 14 und 15 Kilometer beim Wakenitzman und beim
Neuruppiner Langstreckenschwimmen brauche ich keine Qualifikation. Aber weil
ich es bei meinen Kaltwasser-Langdistanztrainings in 2012 und 2013 nicht länger
als 3 Stunden und 40 Minuten ausgehalten habe, nehme ich mir für heute vier Stunden
vor. Falls mehr geht: fein. Falls es nicht klappt: auch gut.
Im Augenblick bezweifle ich allerdings, dass
ich mehr als zwei oder drei Stunden schaffe. Mir fehlt schlicht die
Motivation. Und die iinsgesamt acht Stunden von gestern und vorgestern stecken mir noch in
den Knochen. Die dichte Wolkendecke über uns macht die Sache nicht besser,
kaltes Wasser ist leichter zu ertragen, wenn wenigstens von oben etwas Wärme
kommt.
Als unser Mentor und Betreuer Kevin mich
fragt, ob ich die sechs Stunden angehen will, zögere ich. Er weiß,
dass ich keinen Nachweis brauche. Aber wenn ich es auf die vollen
sechs Stunden anlege, wird er es mir nicht leicht machen, falls ich es mir
unterwegs anders überlege. Bevor ich mir eine Antwort zurechtlegen kann, ruft
Sue mir ein „We can do this, Stella!“ zu. Dabei guckt sie selbst nicht gerade
zuversichtlich. „Mitgehangen, mitgefangen", denke ich und nicke ihr und Kevin zu.
| Unsere 6 Stunden-Bucht (na ja, ein Teil davon). |
Keine Stunde später sind wir auf dem Boot und steuern eine langgezogene, schmale Bucht an. Immerhin sind wir darin vor dem kalten Wind einigermaßen geschützt. Bevor wir ins Wasser gehen, bekommen wir von unseren Betreuern noch reichlich Vaseline auf Hals, Achseln und Innenseiten der Oberarme und –schenkel aufgetragen, um schmerzende Scheuerstellen zu verhindern.
Unser Boot ankert in der Nähe eines kleinen Strandes und dient als Verpflegungsstation und Wendepunkt auf unserem Rundkurs durch die Bucht. Am entgegengesetzten Ende markiert eine Boje den anderen Wendpunkt der Strecke. Irgendwo dazwischen platzieren Trish und Fiona zu unserer Orientierung eine zweite Boje. Während die beiden in ihren kleinen Booten unentwegt neben unserer Strecke patrouillieren, versorgt Kevin uns vom großen Boot aus ungefähr alle 30 Minuten mit warmem „Maxi“ und einem Stück Banane oder Pfirsich. Zu unserer Sicherheit stellt er uns dabei einfache Kontrollfragen, das kann der eigene Vorname sein oder die Zahl der Finger an einer Hand. Wer stark verzögert, falsch oder gar nicht antwortet, ist möglicherweise unterkühlt und muss in dem Fall auch sofort raus aus dem Wasser.
Aus demselben Grund zählen Fiona und Trish
von ihren Booten aus immer wieder die Zahl unserer Armzüge pro Minute.
Verringert sich diese spürbar, kann auch dies eine Unterkühlung oder sonstige
Probleme anzeigen. Dann wird zunächst geprüft, wie die Schwimmer auf
Kontrollfragen reagieren, ob ihre Lippen blau gefroren sind oder Finger weiß und
es wird gefragt, wie sie die Verpflegung vertragen und ob sie sich zum Beispiel
übergeben haben. Gegengesteuert wird mit angepasster Verpflegung oder
„warmschwimmen“ durch eine höhere Armzugfrequenz und mehr Beinarbeit. Bleiben
Zweifel, wird der Schwimmer aus dem Wasser geholt.
Zweieinhalb Runden lang ist alles
gut. Das Wasser ist sehr klar und relativ ruhig, die Kälte auszuhalten. Ich
habe – wie immer auf langen Strecken – meine Uhr um und weiß daher bald, dass
ich für eine Runde 15-16 Minuten brauche. Die Länge des Rundkurses schätze ich auf 350 bis 400 Meter. Lang genug, um zwischen den Wendepunkten ein paar
Minuten entspannt geradeaus zu schwimmen. Als ich mich zum dritten Mal der Wendeboje
nähere, sehe ich ein paar Meter unter mir eine Feuerqualle. Ich hoffe, dass es
ein versprengtes Einzelexemplar ist und dass sie nicht weiter in Richtung
Wasseroberfläche schwebt. Mit dem entspannten Schwimmen ist es aber erstmal vorbei.
Ich halte den Kopf unter Wasser viel zu hoch, weil ich sehen will, ob direkt
vor mir Feuerquallen unterwegs sind.
Als ich die Wendeboje das
nächste Mal ansteuere, entdecke ich an einer anderen Stelle und knapp unterhalb
der Wasseroberfläche eine andere Qualle. Sie ist fast durchsichtig, in Größe
und Form ähnelt sie ansonsten einer mittelgroßen Aubergine. Ich hab keine
Ahnung, was das für eine Qualle ist und ob sie zu denen gehört, die nesseln
oder brennen. Vorsichtshalber schwimme ich weiträumig um sie herum. Auf Höhe
der Wendeboje sehe ich nur etwa zwei bis drei Meter unter mir drei Feuerquallen
und in deren Nähe eine weitere Qualle, die ich wieder nicht zuordnen kann. „Ok,
das wars“, schießt es mir durch den Kopf.
Wenn ich Feuerquallen sehe
und weiß, dass ich ihnen auf meinen Runden immer wieder begegnen werde, ist der
Spaß für mich vorbei. Ich schwimme in Richtung Verpflegungsboot und treffe
dabei prompt auf Qualle Nr 2. Das ist die, die ich auf dem Hinweg nicht
zuordnen konnte und der ich deshalb ausgewichen bin. Als ich sie sehe, ist es
bereits zu spät. Trotz abrupter Ausweichbewegung berühre ich sie mit meinem
rechten Ellenbogen und bin auf alles
gefasst. Aber: nichts passiert. Puh, also keine Feuerqualle. Oder nur günstig
getroffen. Egal, ich will raus aus dem Wasser, aufs Boot.
Ich steuere direkt auf die
Leiter an der Bordwand zu. Aber bevor ich danach greifen und hochklettern kann,
höre ich Kevin fragen, was los ist. „Jellyfish“, antworte ich knapp, den Tränen
nah. Ich ahne, was jetzt kommt. Unsere Betreuer werden mich kaum einfach so
aufgeben lassen, nach nicht mal einer Stunde im Wasser. Da taucht auch schon
Fiona mit ihrem kleinen Boot neben mir auf. „What’s wrong?“ fragt sie. Ich
erzähle von meinen Quallensichtungen. Sie willen wissen, wo genau sie sind.
Dann fordert sie mich auf, ab jetzt immer nur bis zur ersten Boje zu schwimmen.
Ja, hätte ich auch selbst drauf kommen können.
Ich drehe von nun an also
verkürzte Runden, während Jo, Phia, Sue und Tom den alten Kurs beibehalten. In
dieser zweiten Stunde passiert nicht viel, Quallen sehe ich nicht, nur ein paar
Fische. Ab und an kommen mir die anderen entgegen oder überholen mich. Nur Sue
ist etwas langsamer als ich und wir schwimmen ab und an eine Weile
nebeneinander her. Eigentlich ist alles gut. Mir ist kalt, aber das kenne ich
ja schon. Und ich weiß, dass ich diese Kälte mindestens drei Stunden lang
aushalten kann. Will ich aber nicht. Wieder einmal fest entschlossen
aufzuhören, baue ich mich wassertretend neben dem großen Boot auf. Weil Sue
dort aber gerade einen Verpflegungsstopp einlegt, sage ich erstmal nix. Als
sie weitergeschwommen ist rufe ich Kevin
zu, dass ich genug habe. Völlig unbeeindruckt reicht er mir einen Becher Maxi
über die Bordwand und sagt, dass ich erst zwei Stunden im Wasser bin und jetzt
nicht einfach aufgeben solle. „It’s a matter of pride“, sagt er außerdem. Ich
schwimme vorerst weiter.
Gegen Ende der dritten Stunde
kenne ich jeden Stein und jede Pflanze und jeden Fischschwarm auf meiner Runde.
Mir ist kalt, mir ist langweilig, mir fehlt Abwechslung und Gesellschaft. Und
immer wenn ich am großen Boot vorbeikomme, dreht mir Kevin demonstrativ den
Rücken zu. Und weil ich noch auf der kürzeren Runde unterwegs bin, kann ich
seltener neben Sue herschwimmen. Ich starte meinen dritten Versuch, aufzuhören
und baue mich wieder einmal neben dem Boot auf. Aus dem Augenwinkel sehe ich,
dass Trish die Situation sofort erfasst hat. Sie steuert ihr Boot auf uns zu,
um Kevin zu unterstützen. Der erinnert mich an meine zehneinhalb Stunden am
Stück durch den Zürichsee und findet, dass die paar Stunden heute ja wohl ein
Klacks seien. Trish sekundiert mit aufmunternden Worten. Ich verkneife mir den
Hinweis auf die doppelt so hohe Wassertemperatur im Zürichsee – und schwimme
weiter. Sogar mit dem Kopf im Wasser höre ich, dass Trish mich jubelnd
anfeuert. Immerhin.
| Ohne Leiter kein Ausstieg. Doof für die, die im Wasser sind und aufs Boot wollen. |
Die komplette nächste Stunde
lang kämpfe ich weiter mit mir, Runde für Runde, Atemzug für Atemzug, Armzug
für Armzug. Mir ist immer noch kalt, ich komme nicht richtig voran und
langweilig ist mir auch noch. Sechs Stunden durchhalten? Unmöglich. Dass ich
schon mehr als die Hälfte geschafft habe, interessiert mich gerade nicht. Ich fange
sogar an zu hoffen, dass jemand anderes aus unserer Gruppe aufgibt, damit ich
auch aufgeben kann. Passiert aber nicht. Nach dreieinhalb Stunden treffe ich
Sue wieder neben dem großen Boot. Wie am Vortag erkundigt sie sich
zähneklappernd, wie es mir geht. Dann ruft sie ein aufmunterndes „Let’s do it“ und
wir schwimmen weiter. Aber es wird nicht besser. Als die vier Stunden endlich um
sind, ist mein Minimalziel für heute erreicht. Erneut steuere ich mit
Abbruchgedanken auf das Verpflegungsboot zu. Weil das Wasser so klar ist, sehe
ich aber schon aus einiger Entfernung, dass die Leiter weg ist. Und schwanke prompt zwischen zwischen Ärger („Wie komme ich jetzt aufs
Boot?“) und Belustigung. Später höre ich, dass Phia und Tom auch schon recht früh hatten aufhören wollten und es ebenfalls regelmäßig immer wieder versuchten. Kein Wunder, dass Kevin alle Register zieht, damit möglichst viele von uns auf ihre sechs Stunden kommen.
Kevin hält mir schon einen
Becher Maxi über die nun leiterlose Bordwand entgegen. „What happened to the ladder?" frage ich. Er zuckt wortlos mit den Schultern, guckt mich freundlich
an und signalisiert mir mit einer Hand, weiter zu schwimmen. Ich sage nichts,
trinke den Becher leer und erwäge, den nahegelegenen Strand als Ausstieg zu
nutzen. Aber mir ist immer noch sehr kalt, und an Land ist es heute auch nicht
viel wärmer als im Wasser. Wenig verlockend auch die Aussicht, frierend am
Strand herumzustehen, während Kevin vom Boot aus versuchen würde, mich zum
Weiterschwimmen zu bewegen. „Where's the ladder?“ ruft Sue in dem Augenblick.
Auch sie hat beim Heranschwimmen sofort bemerkt, dass die Leiter fehlt, und auch sie bekommt ein Schulterzuckern zur
Antwort und einen Becher Maxi. Später wird Kevin sagen, dass ich ihn
völlig verärgert angesehen habe, während Sue einfach nur resigniert wirkte.
Aber er hat sein Ziel vorerst erreicht, wir schwimmen beide weiter.
Fünfzig Minuten später starte
ich noch einmal einen Versuch. Ich bitte Kevin, die Leiter herunterzulassen und
sage ihm, dass ich mit der erreichten Zeit im Wasser völlig zufrieden sei.
Und die anderen würden den Rest auch ohne mich schaffen. Er fragt, ob ich
wüsste, dass ich nur noch eine Stunde vor mir habe. Ich bejahe das. Er erinnert
noch einmal an Zürich und fordert mich auf, weiter zu schwimmen. Ich will aber aufs Boot. Da kommt auch schon Fiona angefahren und schlägt fröhlich vor, wenigstens noch eine weitere Runde zu schwimmen. Ich würde das schon schaffen. Eine Diskussion mit diesen beiden,
zumal in englisch, erscheint mir plötzlich viel anstrengender als die paar
Runden, die noch vor mir liegen. Wieder einmal schwimme ich weiter.
Und langsam dämmert es mir, dass
ich die sechs Stunden tatsächlich schaffen kann. Ich traue mich
sogar wieder bis zur entfernten Boje. Keine Quallen mehr zu sehen. Aber in den
restlichen zehn Minuten der sechs Stunden umrunde ich ungeduldig ein ums andere
Mal nur noch das große Boot, Jo, Phia, Tom und Sue tun es mir nach. Als Kevin
die Schiffsglocke läutet, haben wir es geschafft. :-)
| Stolz wie Oskar: Jo, Sue, Fiona, Kevin, Phia, ich, Tom und Trish. |
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