Sonntag, 13. April 2014

Langdistanztraining 2014 (Teil 2)

Fiona (vorn) erklärt uns das Tagesprogramm, Trish und Kevin sind mit Vorbereitungen beschäftigt.
Montag, 24. März. Ich hab noch nie so gefroren. Der kleine Finger meiner rechten Hand will nichts mehr mit seinem Nachbarn zu tun haben und der wiederum geht auf Abstand zum Mittelfinger. Ich kann mich anstrengen wie ich will, aber ich bekomme sie unter Wasser einfach nicht mehr zusammen, fühlen kann ich sie auch immer weniger. Sieht lustig aus, aber effektiv ist das natürlich nicht. Und wenn mehr als ein oder zwei Finger betroffen sind, ist auch etwas Vorsicht geboten (warum, steht hier).

Über Wasser balle ich bei jedem Armzug die Hand zur Faust, bin aber nicht sicher, ob das überhaupt etwas bringt. Immerhin: Die Finger sind nicht weiß und die andere Hand scheint weniger empfindlich zu sein, sie habe ich weiterhin unter Kontrolle. Eine Runde lang denke ich darüber nach, warum das so ist, aber mir fällt keine plausible Erklärung ein. Mir ist einfach nur sehr kalt. So insgesamt. Angenehm ist das nicht. Allerdings fühlt sich mein Oberkörper deutlich wärmer beziehungsweise deutlich weniger kalt an als Beine, Po und Arme. Von einer Unterkühlung bin ich demnach noch ein Eckchen entfernt. Trotzdem kämpfe ich mit mir: Breche ich nach dieser Runde ab oder doch erst nach der nächsten? Ich bin seit anderthalb Stunden im Wasser, weitere anderthalb stehen mir noch bevor. Eigentlich ist es ja auch ganz schön hier. Das Wasser ist klar, unter mir tummeln sich jede Menge Fische und ich habe Zeit und viel Platz, kann also endlich mal in Ruhe schwimmen. Aber mir ist so kalt. Und nach der Mittagspause sollen nochmal zwei Stunden folgen. Wenn ich bis dahin wieder aufgetaut bin. Und meine Arme noch bewegen kann, schließlich habe ich in den vergangenen Monaten nur ein bis zweimal pro Woche trainiert. Da kann selbst scheinbar gemütliches Vor-sich-hin-Schwimmen sehr anstrengend werden. Außerdem kommt mir die Wassertemperatur in dieser Bucht wirklich noch kälter vor als gestern. Ich schwimme mittlerweile nicht nur im Kreis. Ich denke auch so. Mir ist immer noch kalt. Und mein Entschluss fest. Ich muss mir das nicht länger antun.

"I'm done!" teile ich Kevin also mit, als er mir den nächsten Becher mit warmem Carbo-Drink und einem darin schwimmenden Stück Dosenpfirsich über die Bordwand des großen Bootes herunterreichen will. "Why?" fragt er und hält mir weiter den Becher hin. Den trinke ich leer, greife mit klammen Fingern das Stück Pfirsich und sage, dass es einfach viel zu kalt sei. Kevin guckt mich schweigend an, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich gucke zurück und werfe dabei den leeren Becher über die Bordwand aufs Boot, trete weiter Wasser und nehme die Schwimmbrille von den Augen. Ich will aufs Boot. Kevin schüttelt den Kopf und sagt: "Wenn Du jetzt aufhörst, ist das nicht gut für die anderen." Obwohl ich ihn genau verstanden habe, frage ich nach: "Sorry?" Er wiederholt seinen Satz, jetzt etwas langsamer, und ich sage: "Oh." Mehr fällt mir dazu gerade nicht ein. Vermutlich weil er Recht hat. Ich weiß noch, wie sehr ich im Vorjahr die Mitschwimmer beneidet hatte, die schon am Strand lagen oder auf dem Boot die warmen Sonnenstrahlen genossen, während ich noch frierend und nicht nur wegen der Kälte zitternd Slalom um die Feuerquallen schwamm. Und dann doch irgendwann aufgab. Verflixt. Eine solche Prüfung will ich meinen Mitstreitern Jo, Sue, Phia und Tom nicht zumuten. Wortlos rücke ich meine Schwimmbrille zurecht. Kevin nickt mir freundlich zu. Und ich mache mich wieder auf den Weg.

Grinsen fürs Foto: Jo, Tom, ich, Kevin, Sue, Fiona und Phia vor dem 3 Stunden-Schwimmen.
Großartig, denke ich. Keine Feuerquallen. Dafür aber eine gefühlte Verpflichtung den anderen gegenüber. Die frieren garantiert genauso wie ich, müssen aber auf ihre Stunden in kaltem Wasser kommen, wenn sie in diesem Sommer durch den Ärmelkanal schwimmen wollen. Und damit sie morgen ihren obligatorischen 6 Stunden-Test für angehende Kanalschwimmer bestehen, müssen sie sich an die Kälte gewöhnen. Zum Beispiel in diesen drei Stunden. Und in den beiden Stunden nach dem Mittagessen. Das mit der Kältegewöhnung kann schnell gehen. Vorausgesetzt, man zieht sie konsequent durch.

Beim nächsten Verpflegungsstopp treffe ich Sue. Mit klappernden Zähnen fragt sie, wie es mir geht. Ich murmele "I'm fine, the water could be a bit warmer, though. How about you?" "I'mmmmm okayayayay", sagt sie zitternd. Zähne können ganz schon laut aufeinanderschlagen. Es geht ihr sichtlich schlechter als mir. Aber sie will die drei Stunden schaffen. "We can do this. Let's go!" ruft sie und schwimmt weiter. Sue arbeitet in London als Personal Trainerin und ich könnte wetten, dass sie ihren Job gut macht und ihren Kunden nichts durchgehen lässt. Mir gehen jedenfalls endgültig die Ausreden aus und vor mich hinschimpfend drehe ich weiter meine Runden durch die Bucht. Wenn das so weitergeht, werde ich in dieser Langdistanzwoche wohl deutlich mehr schwimmen als in der vor einem Jahr.

Unsere 3 Stunden-Bucht.
Gut. Übe ich mich also darin, die Kälte zu ignorieren und stattdessen an ein loderndes Osterfeuer zu denken (in deren Nähe find ichs immer viel zu heiß). Außerdem rede ich mir ein, dass ich per Gedankenkraft Wärme in Finger und Füße schicken kann. Und ich versuche meine Armzugzahl spürbar zu erhöhen, damit mir wieder wärmer wird. Oder zumindest nicht noch kälter. Meine übliche Reisegeschwindigkeit taugt definitiv nicht zum Cruisen in derart kaltem Wasser.

Irgendwann sind die drei Stunden um. Alle haben durchgehalten. Wortreich und wegen der klappernden Zähne undeutlich beglückwünschen wir uns gegenseitig, prosten uns mit heißem Kakao und zitternden Händen zu und versuchen gleichzeitig, uns möglichst umständlich umzuziehen. Ich hätte mindestens fünf Minuten früher meine trockenden Klamotten an, wenn nicht wieder dieser Gruppenzwang wäre. Aber leider halten Leute aus England, Schottland, Irland und Südafrika immer noch nicht viel von der Idee,  die Badeklamotten einfach nur schnell abzustreifen, um sich genauso fix was Trockenes überzuwerfen. Stattdessen verrenken sich alle unter großen Jacken oder Handtüchern, damit ja niemand was sieht. :D

Beim Mittagessen erfahren wir von unseren Betreuern Fiona, Kevin und Trish, dass die Wassertemperatur bei 13 bis 13,5 Grad lag. Also etwa ein Grad weniger als am Vortag. Wir staunen, dass es sich trotzdem so viel kälter anfühlte. Kevin verrät uns beim Essen dann noch, dass er solche Temperaturen auch nicht mag. "I don't like it. But I don't care." Klingt so einfach. Aber tröstlich ist es doch irgendwie, dass sogar der "King of the Channel" friert.

Die zwei Stunden nach dem Mittagessen schwimmen wir wie am Vortag in der Bucht bei unserem Hotel, die Wassertemperatur liegt hier bei 13,5 bis 14 Grad und meine Finger bleiben beweglich. Immerhin. Trotzdem friere ich auch noch nach dem Abendessen und dem anschließenden Motivationsseminar und die Nacht hindurch bis zum nächsten Morgen. Und das trotz sehr warmer Kleidung und einer doppelten Ration Bettdecken.

Wie ich bei diesen Wassertemperaturen morgen sechs Stunden lang schwimmen soll, ist mir ein Rätsel. Und auch den anderen sehe ich an, dass sie noch nicht so recht wissen, wie sie den Tag im Wasser überstehen sollen.

1 Kommentar:

  1. Oh wow, was für ein Erlebnis, was für ein Kampf, wie knallhart durchgezogen.

    Es gibt ja so Sachen im Leben, die ich mir nie vorstellen könnte. Das ist eine davon. Deshalb meinen aller größten Respekt.

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