Montag, 18. August 2014

Sechs kalte Kilometer in Köln


Mitte Mai draußen schwimmen, auf einer Kölner Regattastrecke? Beim Swim & Run Cologne kann man das machen, auch als reines Schwimmevent über sechs oder über zwölf Kilometer. Erfahrungsgemäß ist das allerdings eine recht kühle Angelegenheit. Auch deshalb hatte ich mich diesmal nur für die sechs Kilometer angemeldet, allerdings wollte ich wieder ohne Neoprenanzug schwimmen. Dank der kürzeren Distanz und weil die 12km-Schwimmer gleichzeitig starteten, wusste ich vorher, dass ich nicht als eine der letzten aus dem Wasser kommen würde. Ich konnte also endlich einmal wieder anderen zusehen und sie anfeuern. Trainingspartnerin Ines zum Beispiel, die sich für die Langdistanz des Swim & Run gemeldet hatte, also 4 Kilometer schwimmen und einen Halbmarathon laufen wollte. Oder Matthias Kassner, der im vergangenen Jahr durch den Ärmelkanal geschwommen war und sich für diesen Sommer unter anderem die Fehmarnbeltquerung vorgenommen hatte. Er wollte in Köln die 12 Kilometer schwimmen.

Am Veranstaltungstag regnete es, und es war windig und kalt. Gute Trainingsbedingungen also für Matthias und die anderen Cologne12-Teilnehmer. Zu denen gehörten auch Mitglieder einer Staffel, die im September 2014 den Ärmelkanal durchqueren wollen. Für sie war dieses Event Teil der Vorbereitung auf ihre Saisonhighlights. 

Das Schwimmen verlief unspektakulär. Die Strecke ist aber auch denkbar einfach: Es geht jeweils einen Kilometer die Regattastrecke hoch und einen wieder herunter. In die eine Richtung weisen Leinen mit Bojen den Weg, in die andere kann man sich auch gut am Ufer orientieren. An jedem Ende der Strecke war wie in den Vorjahren ein Verpflegungsponton eingerichtet. Dort gab es Bananen, Gels und kaltes (!) Wasser - nicht ganz ideal bei 15-16 Grad im Wasser und an der Luft. Allerdings hatten alle Cologne-Schwimmer dort auch wieder eigene Verpflegung deponieren können. Wer an warmen Tee gedacht hatte, war fein raus. 

Ich machte mir diesmal weder einen Kopf über die Temperaturen noch über die Distanz. Allerdings wollte ich für meine Verhältnisse recht zügig schwimmen und nicht länger als 2 Stunden 12 Minuten unterwegs sein, also einen Schnitt von 22 Minuten pro Kilometer schaffen. Wohl wegen des kalten Windes fing ich dann doch früher an zu frieren als erwartet. Und Kälte macht langsam. Aber nach etwa vier Kilometern entdeckte ich Matthias vor mir an einem der Verpflegungspontons. Er ist normalerweise deutlich schneller als ich, schwamm hier aber die längere Strecke und ging alles etwas verhaltener an als sonst. Ich musste mich trotzdem anstrengen, um ihn nicht wieder aus den Augen zu verlieren. Aber das klappte und nach 2:07 Stunden war ich im Ziel. Für diese Wassertemperaturen und ohne Neo eine für mich durchaus ordentliche Zeit.

Mittwoch, 13. August 2014

Das Schwimm-Camp im T3


Schöner schwimmen: Im T3 auf Teneriffa kein Problem.
Anfang April, nur eine Woche nach dem Ende des Langdistanztrainings mit Swimtrek, machte ich mich erneut auf den Weg: Diesmal ins Tenerife-Top-Training-Center (T3) zum Schwimm-Camp mit Holger Lüning und Bruno Baumgartner. Geplant waren etliche Schwimmeinheiten im T3 und ein paar im Freiwasser.

Ich war gespannt. Weniger auf die Freiwassereinheiten, die vielen Stunden im kalten Mittelmeer wirkten noch nach. Dafür aber auf Bruno. Ihn kannte ich bislang nur virtuell, ich las sein Blog und hatte seine Bodenseequerung live via Facebook verfolgt. Ich fragte mich, was das für ein Mensch ist, der 64 Kilometer durch den Bodensee schwimmt und woher er die Motivation für die Vorbereitung und fürs Durchhalten nimmt, wenn es dann soweit ist.

Gespannt war ich auch auf das Training im Becken mit - wie ich annahm - vielen Triathleten und ein paar reinen Schwimmern. Außerdem hoffte ich, dass mir diese Woche noch ein wenig Schwung verleihen würde für die Vorbereitung auf die 14 Kilometer beim WakenitzMan und das Neuruppiner Langstreckenschwimmen mit seinen 15 Kilometern.

Tatsächlich traf ich auf eine sympathische Mischung aus durchaus ambitionierten Triathleten, "Nur-Schwimmern" und fitten Trainern. Wobei im Vergleich zu mir "Gesundheits-/Fitness- und Genuss-Schwimmerin" fast Jede/r als ambitioniert durchgehen dürfte.

Jedenfalls machte das Training sogar Spaß, meistens jedenfalls. Natürlich wurde es ab und an anstrengend, Kacheln zählen und Sprints gehören außerdem nicht zu meinen Lieblingstätigkeiten. Ein besonderes Erlebnis war allerdings das Schwimmen im Strömungskanal. Nicht überraschend nahm ich aber auch hier zur Kenntnis, dass ich zu den langsameren Schwimmern gehöre. Und das nicht nur im Vergleich zu Paul Biedermann und Kollegen, die wir durch ein Fenster im Strömungskanal beobachten konnten und die ansonsten neben uns ihre Bahnen zogen.

Dass ich in den Monaten vor Teneriffa nur ein- bis zweimal pro Woche im Wasser war (statt geplanter drei- bis vier Einheiten), merkte ich übrigens ständig. So konnte ich mit meinen am Ende der Woche geschwommenen "Bestzeiten" von 43 Sekunden über 50m und 1:32 Minuten auf 100 Meter Kraul dann auch keine Blumentöpfe gewinnen. Immerhin: Normalerweise schaffte ich es im Training in den vergangenen Jahren immer nur gerade so unter die 50 Sekunden beziehungsweise 1:40 Minuten. Bemerkenswerte Erfolge verbuchten aber dafür etliche meiner Mitschwimmenden; die persönlichen Bestzeiten purzelten nur so und lagen über 100 Meter teilweise deutlich im zweistelligen Bereich. Mehr Motivation geht wohl nicht.

Trocken- oder Landtraining ist grundsätzlich nicht so meins, gehörte hier aber ebenso selbstverständlich und sehr abwechslungsreich dazu wie die Schwimmtheorie am Abend. Ein Teil der Freiwassereinheiten mit Bruno musste allerdings ins Becken verlegt werden, weil ungünstige Winde ein paar garstige Feuerquallen vor die Insel geschwemmt hatten. Aber schon allein der so unterhaltsame wie offene Vortrag von Bruno über seine Langstrecken-Abenteuer machte das für mich wieder mehr als wett. 

Mein Fazit: Ich fand das Schwimm-Camp klasse und empfehle es hiermit gern allen, die 800 Meter am Stück schwimmen können und sich eine Woche lang unter angenehm professioneller Anleitung von Holger Lünung und Co. in einer umwerfenden Anlage komplett aufs Schwimmen konzentrieren wollen.

Training mit Ultramarathon-Schwimmer Bruno Baumgartner.

Holger Lüning (im grünen Shirt) gibt Tipps zur Nutzung des Strömungskanals.
Mehr Bilder gibts hier.

Donnerstag, 17. April 2014

Langdistanztraining 2014 (Teil 3)


Dienstag, 25. März. Die Stimmung beim Frühstück war schon mal besser. Es ist kurz nach sieben, ich bin müde und allein bei dem Gedanken an die kommenden Stunden wird mir kalt. Meinen Mitschwimmern sehe ich an, dass es ihnen ähnlich geht. Dabei haben die meisten das Long Distance Training Camp hauptsächlich wegen dieses Tages gebucht: Sechs Stunden wollen die drei Ärmelkanalaspiranten Jo, Phia und Tom heute im 13-15 Grad kalten Wasser schwimmen, am Stück, und ohne sich in dieser Zeit irgendwo festzuhalten oder festen Boden zu berühren. Sie müssen einen solchen „6 hour qualifier“ bestehen, bevor sie sich als Soloschwimmer auf den Weg durch den Ärmelkanal machen. 

Jo wird im Rahmen ihrer Challenge "From Arch to Arc" mit Neoprenanzug und -haube von Dover nach Calais schwimmen, Phia und Tom wollen ganz klassisch in Badehose beziehungsweise -anzug und normaler Badekappe starten. Sue plant für diesen Sommer keine Soloquerung des Ärmelkanals, sondern wird an einer Staffel teilnehmen. Dafür muss sie nur zwei Stunden am Stück nachweisen. Trotzdem will sie heute unbedingt die vollen sechs Stunden durchhalten. Für meine geplanten 14 und 15 Kilometer beim Wakenitzman und beim Neuruppiner Langstreckenschwimmen brauche ich keine Qualifikation. Aber weil ich es bei meinen Kaltwasser-Langdistanztrainings in 2012 und 2013 nicht länger als 3 Stunden und 40 Minuten ausgehalten habe, nehme ich mir für heute vier Stunden vor. Falls mehr geht: fein. Falls es nicht klappt: auch gut. 

Im Augenblick bezweifle ich allerdings, dass ich mehr als zwei oder drei Stunden schaffe. Mir fehlt schlicht die Motivation. Und die iinsgesamt acht Stunden von gestern und vorgestern stecken mir noch in den Knochen. Die dichte Wolkendecke über uns macht die Sache nicht besser, kaltes Wasser ist leichter zu ertragen, wenn wenigstens von oben etwas Wärme kommt. 

Als unser Mentor und Betreuer Kevin mich fragt, ob ich die sechs Stunden angehen will, zögere ich. Er weiß, dass ich keinen Nachweis brauche. Aber wenn ich es auf die vollen sechs Stunden anlege, wird er es mir nicht leicht machen, falls ich es mir unterwegs anders überlege. Bevor ich mir eine Antwort zurechtlegen kann, ruft Sue mir ein „We can do this, Stella!“ zu. Dabei guckt sie selbst nicht gerade zuversichtlich. „Mitgehangen, mitgefangen", denke ich und nicke ihr und Kevin zu.

 
Unsere 6 Stunden-Bucht (na ja, ein Teil davon).

Keine Stunde später sind wir auf dem Boot und steuern eine langgezogene, schmale Bucht an. Immerhin sind wir darin vor dem kalten Wind einigermaßen geschützt. Bevor wir ins Wasser gehen, bekommen wir von unseren Betreuern noch reichlich Vaseline auf Hals, Achseln und Innenseiten der Oberarme und –schenkel aufgetragen, um schmerzende Scheuerstellen zu verhindern.

Um 8:45 Uhr sind wir im Wasser. Obwohl es sich im ersten Augenblick nicht so kalt anfühlt wie befürchtet, verdränge ich den Gedanken daran, dass ich mindestens bis 12:45 Uhr schwimmen will und nehme mir vor, nur von Runde zu Runde zu denken. 
 
Unser Boot ankert in der Nähe eines kleinen Strandes und dient als Verpflegungsstation und Wendepunkt auf unserem Rundkurs durch die Bucht. Am entgegengesetzten Ende markiert eine Boje den anderen Wendpunkt der Strecke. Irgendwo dazwischen platzieren Trish und Fiona zu unserer Orientierung eine zweite Boje. Während die beiden in ihren kleinen Booten unentwegt neben unserer Strecke patrouillieren, versorgt Kevin uns vom großen Boot aus ungefähr alle 30 Minuten mit warmem „Maxi“ und einem Stück Banane oder Pfirsich. Zu unserer Sicherheit stellt er uns dabei einfache Kontrollfragen, das kann der eigene Vorname sein oder die Zahl der Finger an einer Hand. Wer stark verzögert, falsch oder gar nicht antwortet, ist möglicherweise unterkühlt und muss in dem Fall auch sofort raus aus dem Wasser. 

Aus demselben Grund zählen Fiona und Trish von ihren Booten aus immer wieder die Zahl unserer Armzüge pro Minute. Verringert sich diese spürbar, kann auch dies eine Unterkühlung oder sonstige Probleme anzeigen. Dann wird zunächst geprüft, wie die Schwimmer auf Kontrollfragen reagieren, ob ihre Lippen blau gefroren sind oder Finger weiß und es wird gefragt, wie sie die Verpflegung vertragen und ob sie sich zum Beispiel übergeben haben. Gegengesteuert wird mit angepasster Verpflegung oder „warmschwimmen“ durch eine höhere Armzugfrequenz und mehr Beinarbeit. Bleiben Zweifel, wird der Schwimmer aus dem Wasser geholt. 

Zweieinhalb Runden lang ist alles gut. Das Wasser ist sehr klar und relativ ruhig, die Kälte auszuhalten. Ich habe – wie immer auf langen Strecken – meine Uhr um und weiß daher bald, dass ich für eine Runde 15-16 Minuten brauche. Die Länge des Rundkurses schätze ich auf 350 bis 400 Meter. Lang genug, um zwischen den Wendepunkten ein paar Minuten entspannt geradeaus zu schwimmen. Als ich mich zum dritten Mal der Wendeboje nähere, sehe ich ein paar Meter unter mir eine Feuerqualle. Ich hoffe, dass es ein versprengtes Einzelexemplar ist und dass sie nicht weiter in Richtung Wasseroberfläche schwebt. Mit dem entspannten Schwimmen ist es aber erstmal vorbei. Ich halte den Kopf unter Wasser viel zu hoch, weil ich sehen will, ob direkt vor mir Feuerquallen unterwegs sind. 

Als ich die Wendeboje das nächste Mal ansteuere, entdecke ich an einer anderen Stelle und knapp unterhalb der Wasseroberfläche eine andere Qualle. Sie ist fast durchsichtig, in Größe und Form ähnelt sie ansonsten einer mittelgroßen Aubergine. Ich hab keine Ahnung, was das für eine Qualle ist und ob sie zu denen gehört, die nesseln oder brennen. Vorsichtshalber schwimme ich weiträumig um sie herum. Auf Höhe der Wendeboje sehe ich nur etwa zwei bis drei Meter unter mir drei Feuerquallen und in deren Nähe eine weitere Qualle, die ich wieder nicht zuordnen kann. „Ok, das wars“, schießt es mir durch den Kopf. 

Wenn ich Feuerquallen sehe und weiß, dass ich ihnen auf meinen Runden immer wieder begegnen werde, ist der Spaß für mich vorbei. Ich schwimme in Richtung Verpflegungsboot und treffe dabei prompt auf Qualle Nr 2. Das ist die, die ich auf dem Hinweg nicht zuordnen konnte und der ich deshalb ausgewichen bin. Als ich sie sehe, ist es bereits zu spät. Trotz abrupter Ausweichbewegung berühre ich sie mit meinem rechten  Ellenbogen und bin auf alles gefasst. Aber: nichts passiert. Puh, also keine Feuerqualle. Oder nur günstig getroffen. Egal, ich will raus aus dem Wasser, aufs Boot. 

Ich steuere direkt auf die Leiter an der Bordwand zu. Aber bevor ich danach greifen und hochklettern kann, höre ich Kevin fragen, was los ist. „Jellyfish“, antworte ich knapp, den Tränen nah. Ich ahne, was jetzt kommt. Unsere Betreuer werden mich kaum einfach so aufgeben lassen, nach nicht mal einer Stunde im Wasser. Da taucht auch schon Fiona mit ihrem kleinen Boot neben mir auf. „What’s wrong?“ fragt sie. Ich erzähle von meinen Quallensichtungen. Sie willen wissen, wo genau sie sind. Dann fordert sie mich auf, ab jetzt immer nur bis zur ersten Boje zu schwimmen. Ja, hätte ich auch selbst drauf kommen können. 

Ich drehe von nun an also verkürzte Runden, während Jo, Phia, Sue und Tom den alten Kurs beibehalten. In dieser zweiten Stunde passiert nicht viel, Quallen sehe ich nicht, nur ein paar Fische. Ab und an kommen mir die anderen entgegen oder überholen mich. Nur Sue ist etwas langsamer als ich und wir schwimmen ab und an eine Weile nebeneinander her. Eigentlich ist alles gut. Mir ist kalt, aber das kenne ich ja schon. Und ich weiß, dass ich diese Kälte mindestens drei Stunden lang aushalten kann. Will ich aber nicht. Wieder einmal fest entschlossen aufzuhören, baue ich mich wassertretend neben dem großen Boot auf. Weil Sue dort aber gerade einen Verpflegungsstopp einlegt, sage ich erstmal nix. Als sie  weitergeschwommen ist rufe ich Kevin zu, dass ich genug habe. Völlig unbeeindruckt reicht er mir einen Becher Maxi über die Bordwand und sagt, dass ich erst zwei Stunden im Wasser bin und jetzt nicht einfach aufgeben solle. „It’s a matter of pride“, sagt er außerdem. Ich schwimme vorerst weiter. 

Gegen Ende der dritten Stunde kenne ich jeden Stein und jede Pflanze und jeden Fischschwarm auf meiner Runde. Mir ist kalt, mir ist langweilig, mir fehlt Abwechslung und Gesellschaft. Und immer wenn ich am großen Boot vorbeikomme, dreht mir Kevin demonstrativ den Rücken zu. Und weil ich noch auf der kürzeren Runde unterwegs bin, kann ich seltener neben Sue herschwimmen. Ich starte meinen dritten Versuch, aufzuhören und baue mich wieder einmal neben dem Boot auf. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Trish die Situation sofort erfasst hat. Sie steuert ihr Boot auf uns zu, um Kevin zu unterstützen. Der erinnert mich an meine zehneinhalb Stunden am Stück durch den Zürichsee und findet, dass die paar Stunden heute ja wohl ein Klacks seien. Trish sekundiert mit aufmunternden Worten. Ich verkneife mir den Hinweis auf die doppelt so hohe Wassertemperatur im Zürichsee – und schwimme weiter. Sogar mit dem Kopf im Wasser höre ich, dass Trish mich jubelnd anfeuert. Immerhin.


Ohne Leiter kein Ausstieg. Doof für die, die im Wasser sind und aufs Boot wollen.

Die komplette nächste Stunde lang kämpfe ich weiter mit mir, Runde für Runde, Atemzug für Atemzug, Armzug für Armzug. Mir ist immer noch kalt, ich komme nicht richtig voran und langweilig ist mir auch noch. Sechs Stunden durchhalten? Unmöglich. Dass ich schon mehr als die Hälfte geschafft habe, interessiert mich gerade nicht. Ich fange sogar an zu hoffen, dass jemand anderes aus unserer Gruppe aufgibt, damit ich auch aufgeben kann. Passiert aber nicht. Nach dreieinhalb Stunden treffe ich Sue wieder neben dem großen Boot. Wie am Vortag erkundigt sie sich zähneklappernd, wie es mir geht. Dann ruft sie ein aufmunterndes „Let’s do it“ und wir schwimmen weiter. Aber es wird nicht besser. Als die vier Stunden endlich um sind, ist mein Minimalziel für heute erreicht. Erneut steuere ich mit Abbruchgedanken auf das Verpflegungsboot zu. Weil das Wasser so klar ist, sehe ich aber schon aus einiger Entfernung, dass die Leiter weg ist. Und schwanke prompt zwischen zwischen Ärger („Wie komme ich jetzt aufs Boot?“) und Belustigung. Später höre ich, dass Phia und Tom auch schon recht früh hatten aufhören wollten und es ebenfalls regelmäßig immer wieder versuchten. Kein Wunder, dass Kevin alle Register zieht, damit möglichst viele von uns auf ihre sechs Stunden kommen.

Kevin hält mir schon einen Becher Maxi über die nun leiterlose Bordwand entgegen. „What happened to the ladder?" frage ich. Er zuckt wortlos mit den Schultern, guckt mich freundlich an und signalisiert mir mit einer Hand, weiter zu schwimmen. Ich sage nichts, trinke den Becher leer und erwäge, den nahegelegenen Strand als Ausstieg zu nutzen. Aber mir ist immer noch sehr kalt, und an Land ist es heute auch nicht viel wärmer als im Wasser. Wenig verlockend auch die Aussicht, frierend am Strand herumzustehen, während Kevin vom Boot aus versuchen würde, mich zum Weiterschwimmen zu bewegen. „Where's the ladder?“ ruft Sue in dem Augenblick. Auch sie hat beim Heranschwimmen sofort bemerkt, dass die Leiter fehlt, und auch sie bekommt ein Schulterzuckern zur Antwort und einen Becher Maxi. Später wird Kevin sagen, dass ich ihn völlig verärgert angesehen habe, während Sue einfach nur resigniert wirkte. Aber er hat sein Ziel vorerst erreicht, wir schwimmen beide weiter. 

Fünfzig Minuten später starte ich noch einmal einen Versuch. Ich bitte Kevin, die Leiter herunterzulassen und sage ihm, dass ich mit der erreichten Zeit im Wasser völlig zufrieden sei. Und die anderen würden den Rest auch ohne mich schaffen. Er fragt, ob ich wüsste, dass ich nur noch eine Stunde vor mir habe. Ich bejahe das. Er erinnert noch einmal an Zürich und fordert mich auf, weiter zu schwimmen. Ich will aber aufs Boot. Da kommt auch schon Fiona angefahren und schlägt fröhlich vor, wenigstens noch eine weitere Runde zu schwimmen. Ich würde das schon schaffen. Eine Diskussion mit diesen beiden, zumal in englisch, erscheint mir plötzlich viel anstrengender als die paar Runden, die noch vor mir liegen. Wieder einmal schwimme ich weiter. 

Und langsam dämmert es mir, dass ich die sechs Stunden tatsächlich schaffen kann. Ich traue mich sogar wieder bis zur entfernten Boje. Keine Quallen mehr zu sehen. Aber in den restlichen zehn Minuten der sechs Stunden umrunde ich ungeduldig ein ums andere Mal nur noch das große Boot, Jo, Phia, Tom und Sue tun es mir nach. Als Kevin die Schiffsglocke läutet, haben wir es geschafft. :-)


Stolz wie Oskar: Jo, Sue, Fiona, Kevin, Phia, ich, Tom und Trish.

Sonntag, 13. April 2014

Langdistanztraining 2014 (Teil 2)

Fiona (vorn) erklärt uns das Tagesprogramm, Trish und Kevin sind mit Vorbereitungen beschäftigt.
Montag, 24. März. Ich hab noch nie so gefroren. Der kleine Finger meiner rechten Hand will nichts mehr mit seinem Nachbarn zu tun haben und der wiederum geht auf Abstand zum Mittelfinger. Ich kann mich anstrengen wie ich will, aber ich bekomme sie unter Wasser einfach nicht mehr zusammen, fühlen kann ich sie auch immer weniger. Sieht lustig aus, aber effektiv ist das natürlich nicht. Und wenn mehr als ein oder zwei Finger betroffen sind, ist auch etwas Vorsicht geboten (warum, steht hier).

Über Wasser balle ich bei jedem Armzug die Hand zur Faust, bin aber nicht sicher, ob das überhaupt etwas bringt. Immerhin: Die Finger sind nicht weiß und die andere Hand scheint weniger empfindlich zu sein, sie habe ich weiterhin unter Kontrolle. Eine Runde lang denke ich darüber nach, warum das so ist, aber mir fällt keine plausible Erklärung ein. Mir ist einfach nur sehr kalt. So insgesamt. Angenehm ist das nicht. Allerdings fühlt sich mein Oberkörper deutlich wärmer beziehungsweise deutlich weniger kalt an als Beine, Po und Arme. Von einer Unterkühlung bin ich demnach noch ein Eckchen entfernt. Trotzdem kämpfe ich mit mir: Breche ich nach dieser Runde ab oder doch erst nach der nächsten? Ich bin seit anderthalb Stunden im Wasser, weitere anderthalb stehen mir noch bevor. Eigentlich ist es ja auch ganz schön hier. Das Wasser ist klar, unter mir tummeln sich jede Menge Fische und ich habe Zeit und viel Platz, kann also endlich mal in Ruhe schwimmen. Aber mir ist so kalt. Und nach der Mittagspause sollen nochmal zwei Stunden folgen. Wenn ich bis dahin wieder aufgetaut bin. Und meine Arme noch bewegen kann, schließlich habe ich in den vergangenen Monaten nur ein bis zweimal pro Woche trainiert. Da kann selbst scheinbar gemütliches Vor-sich-hin-Schwimmen sehr anstrengend werden. Außerdem kommt mir die Wassertemperatur in dieser Bucht wirklich noch kälter vor als gestern. Ich schwimme mittlerweile nicht nur im Kreis. Ich denke auch so. Mir ist immer noch kalt. Und mein Entschluss fest. Ich muss mir das nicht länger antun.

"I'm done!" teile ich Kevin also mit, als er mir den nächsten Becher mit warmem Carbo-Drink und einem darin schwimmenden Stück Dosenpfirsich über die Bordwand des großen Bootes herunterreichen will. "Why?" fragt er und hält mir weiter den Becher hin. Den trinke ich leer, greife mit klammen Fingern das Stück Pfirsich und sage, dass es einfach viel zu kalt sei. Kevin guckt mich schweigend an, die Arme vor der Brust verschränkt. Ich gucke zurück und werfe dabei den leeren Becher über die Bordwand aufs Boot, trete weiter Wasser und nehme die Schwimmbrille von den Augen. Ich will aufs Boot. Kevin schüttelt den Kopf und sagt: "Wenn Du jetzt aufhörst, ist das nicht gut für die anderen." Obwohl ich ihn genau verstanden habe, frage ich nach: "Sorry?" Er wiederholt seinen Satz, jetzt etwas langsamer, und ich sage: "Oh." Mehr fällt mir dazu gerade nicht ein. Vermutlich weil er Recht hat. Ich weiß noch, wie sehr ich im Vorjahr die Mitschwimmer beneidet hatte, die schon am Strand lagen oder auf dem Boot die warmen Sonnenstrahlen genossen, während ich noch frierend und nicht nur wegen der Kälte zitternd Slalom um die Feuerquallen schwamm. Und dann doch irgendwann aufgab. Verflixt. Eine solche Prüfung will ich meinen Mitstreitern Jo, Sue, Phia und Tom nicht zumuten. Wortlos rücke ich meine Schwimmbrille zurecht. Kevin nickt mir freundlich zu. Und ich mache mich wieder auf den Weg.

Grinsen fürs Foto: Jo, Tom, ich, Kevin, Sue, Fiona und Phia vor dem 3 Stunden-Schwimmen.
Großartig, denke ich. Keine Feuerquallen. Dafür aber eine gefühlte Verpflichtung den anderen gegenüber. Die frieren garantiert genauso wie ich, müssen aber auf ihre Stunden in kaltem Wasser kommen, wenn sie in diesem Sommer durch den Ärmelkanal schwimmen wollen. Und damit sie morgen ihren obligatorischen 6 Stunden-Test für angehende Kanalschwimmer bestehen, müssen sie sich an die Kälte gewöhnen. Zum Beispiel in diesen drei Stunden. Und in den beiden Stunden nach dem Mittagessen. Das mit der Kältegewöhnung kann schnell gehen. Vorausgesetzt, man zieht sie konsequent durch.

Beim nächsten Verpflegungsstopp treffe ich Sue. Mit klappernden Zähnen fragt sie, wie es mir geht. Ich murmele "I'm fine, the water could be a bit warmer, though. How about you?" "I'mmmmm okayayayay", sagt sie zitternd. Zähne können ganz schon laut aufeinanderschlagen. Es geht ihr sichtlich schlechter als mir. Aber sie will die drei Stunden schaffen. "We can do this. Let's go!" ruft sie und schwimmt weiter. Sue arbeitet in London als Personal Trainerin und ich könnte wetten, dass sie ihren Job gut macht und ihren Kunden nichts durchgehen lässt. Mir gehen jedenfalls endgültig die Ausreden aus und vor mich hinschimpfend drehe ich weiter meine Runden durch die Bucht. Wenn das so weitergeht, werde ich in dieser Langdistanzwoche wohl deutlich mehr schwimmen als in der vor einem Jahr.

Unsere 3 Stunden-Bucht.
Gut. Übe ich mich also darin, die Kälte zu ignorieren und stattdessen an ein loderndes Osterfeuer zu denken (in deren Nähe find ichs immer viel zu heiß). Außerdem rede ich mir ein, dass ich per Gedankenkraft Wärme in Finger und Füße schicken kann. Und ich versuche meine Armzugzahl spürbar zu erhöhen, damit mir wieder wärmer wird. Oder zumindest nicht noch kälter. Meine übliche Reisegeschwindigkeit taugt definitiv nicht zum Cruisen in derart kaltem Wasser.

Irgendwann sind die drei Stunden um. Alle haben durchgehalten. Wortreich und wegen der klappernden Zähne undeutlich beglückwünschen wir uns gegenseitig, prosten uns mit heißem Kakao und zitternden Händen zu und versuchen gleichzeitig, uns möglichst umständlich umzuziehen. Ich hätte mindestens fünf Minuten früher meine trockenden Klamotten an, wenn nicht wieder dieser Gruppenzwang wäre. Aber leider halten Leute aus England, Schottland, Irland und Südafrika immer noch nicht viel von der Idee,  die Badeklamotten einfach nur schnell abzustreifen, um sich genauso fix was Trockenes überzuwerfen. Stattdessen verrenken sich alle unter großen Jacken oder Handtüchern, damit ja niemand was sieht. :D

Beim Mittagessen erfahren wir von unseren Betreuern Fiona, Kevin und Trish, dass die Wassertemperatur bei 13 bis 13,5 Grad lag. Also etwa ein Grad weniger als am Vortag. Wir staunen, dass es sich trotzdem so viel kälter anfühlte. Kevin verrät uns beim Essen dann noch, dass er solche Temperaturen auch nicht mag. "I don't like it. But I don't care." Klingt so einfach. Aber tröstlich ist es doch irgendwie, dass sogar der "King of the Channel" friert.

Die zwei Stunden nach dem Mittagessen schwimmen wir wie am Vortag in der Bucht bei unserem Hotel, die Wassertemperatur liegt hier bei 13,5 bis 14 Grad und meine Finger bleiben beweglich. Immerhin. Trotzdem friere ich auch noch nach dem Abendessen und dem anschließenden Motivationsseminar und die Nacht hindurch bis zum nächsten Morgen. Und das trotz sehr warmer Kleidung und einer doppelten Ration Bettdecken.

Wie ich bei diesen Wassertemperaturen morgen sechs Stunden lang schwimmen soll, ist mir ein Rätsel. Und auch den anderen sehe ich an, dass sie noch nicht so recht wissen, wie sie den Tag im Wasser überstehen sollen.

Samstag, 5. April 2014

Langdistanztraining 2014 (Teil 1)



Samstag, 22. März / Sonntag, 23. März. Ich schnappe einige Sekunden lang nach Luft, bevor sich meine Atmung allmählich normalisert. Noch zwei, drei Armzüge Rücken, dann erst drehe ich mich in die Bauchlage und kraule hinter Tom, Jo und Phia her, Sue hält sich direkt neben mir. Ich halte den Kopf unter Wasser viel zu hoch, aber falls in dieser Bucht Feuerquallen unterwegs sind, will ich ihnen ausweichen können. Wegen der einsetzenden Dämmerung und auch wegen der drei Schwimmer vor mir sehe ich allerdings nicht viel. Und warm wird mir auch nicht. Bei Wassertemperaturen um14 Grad nicht weiter verwunderlich. 

„Warum mache ich das?“ frage ich mich prompt, wohl wissend, dass das hier nur der Anfang ist. „Das hier“ ist eine kleine Akklimatisierungsrunde in der Bucht vor unserem Hotel. Sie läutet mein drittes Langdistanztraining mit Swimtrek ein. Vor mir und meinen vier Mitschwimmern sowie unseren Betreuern Fiona, Kevin und Trish liegen viereinhalb Tage Mallorca. Geplant sind insgesamt rund 16 Stunden im 13-15 Grad kalten Mittelmeer. Und zwar ohne Neoprenanzug. Ich muss mir die langen Stunden im kalten Wasser nicht unbedingt antun, für dieses Jahr habe ich keine echte Langdistanz geplant. Zumindest keine nach den Maßstäben von Marathonschwimmern (ab 25km) oder Ärmelkanalaspiranten (Luftlinie: 34km). Und in wirklich kaltem Wasser werde ich in dieser Saison auch nicht schwimmen. Ich will eigentlich nur mal wieder "draußen" schwimmen. 

An diesem ersten Abend unserer Trainingswoche drehen wir nur eine kleine und glücklicherweise quallenfreie Runde von vielleicht 300 Metern. Fiona, Kevin und Trish beobachten uns derweil vom Strand aus. Die Begrüßungsrunde und auch die Sicherheitseinweisung haben wir da schon hinter uns. Nach diesem ersten kurzen Wasserkontakt geht’s zum gemeinsamen Abendessen und einer ausführlichen Vorstellungsrunde ins Hotelrestaurant. 

Am nächsten Morgen um treffen wir uns um sieben Uhr am Hotelpool, um für die spätere Videoanalyse gefilmt zu werden. Das Wasser in dem unbeheizten Pool hat gerade mal 13 Grad. Beim Frühstück sind wir dann hellwach. 

Tag 1, morgens um 7 Uhr. "Filmarbeiten" für die spätere Videoanalyse. Wassertemperatur: 13 Grad.

Um 9 Uhr sind wir wieder in der Bucht, die erste richtige Einheit steht an. Dauer: 60 Minuten. Das Programm lautet: Runden drehen. Fiona und Trish beobachten uns dabei jeweils von einem kleinen motorisierten Boot aus, Kevin hat uns vom Strand aus im Blick. 

Es läuft gut für mich in dieser ersten Stunde. Die Kälte wird nach etwa 50 Minuten unangenehm, davon mal abgesehen schwimme ich aber völlig entspannt. Kein Wunder: Es sind immer noch keine Feuerquallen zu sehen.

Zurück an Land merken wir schnell, dass Jo mit der Kälte zu kämpfen hat und Anzeichen einer leichten Unterkühlung zeigt: Sie wirkt desorientiert, fast schon apathisch und macht keinerlei Anstalten, sich umzuziehen. Das erledigen Trish und Fiona dann sehr zügig, legen zusätzliche Decken um sie und halten ihr einen Becher mit Kakao an den Mund. Selbst halten kann sie den nicht, weil ihre Hände zu sehr zittern. Meine anderen Mitschwimmer haben so etwas noch nicht gesehen und sind entsprechend geschockt. Deswegen gibt es gleich an Ort und Stelle einige Erläuterungen von Kevin und Fiona zum Thema Unterkühlung. Eigentlich war dieser Theorieteil erst für den Abend vorgesehen. 

Jo erholt sich sehr schnell. Sie muss unseren Betreuern aber versprechen, ab jetzt erstmal nur noch im Neoprenanzug zu schwimmen. Für klassische Ärmelkanalaspiranten wäre das undenkbar, für sie geht das aber völlig in Ordnung. Ihre Ärmelkanalquerung wird eh im Neoprenanzug stattfinden. Allerdings wird sie nur ca 12 Stunden vor ihrem Schwimmstart von London nach Dover gelaufen sein und nach der Ärmelkanalquerung will sie noch nach Paris radeln. „From Arch to Arc“ heißt dieser Triathlon der besonderen Art. Ein Unterfangen, das bislang erst vier Frauen gelungen ist. Wer ihr Training verfolgen will, kann das übrigens auch bei Twitter tun.

Nach dieser ersten Schwimmeinheit folgen Videoanalyse und Tipps fürs Schwimmen in kaltem Wasser. Mir wird ans Herz gelegt, die Frequenz meiner Armzüge von etwa 48 pro Minute auf 52 oder mehr zu erhöhen. Dann gibt es Mittagessen und kurz darauf sind wir schon wieder im Wasser, diesmal aber gleich zwei Stunden am Stück. Dabei gibt uns Kevin alle halbe Stunde vom Strand aus das Signal fürs „Feeding“. Das besteht jeweils aus einem Becher mit dem Ärmelkanalschwimmer-Carbodrink „Maxi“ (früher „Maxim). Ich vertrage das Zeug gut, andere müssen sich erst an den Geschmack gewöhnen. 

In der ersten Stunde komme ich gut klar, in der zweiten wird mir richtig kalt. Viel kälter, als ich es von meinen Langdistanztrainings in 2012 und 2013 in Erinnerung habe. Aber da war das Wasser auch jeweils ein bis zwei Grad wärmer. Ich balle bei jedem Armzug meine Hand zur Faust, um die Blutzirkulation anzukurbeln. Viel bringt es nicht. Irgendwann sind auch diese beiden Stunden um und wieder hab ich keine einzige Qualle gesehen. Ich kanns kaum fassen, hatte ich mich doch schon auf eine erneute Feuerquallenplage eingestellt und extra ein paar Bücher eingepackt. Für mich stand nämlich schon vor Wochen fest: Bevor ich wiederholte Begegnungen mit Feuerquallen riskiere, bleibe ich lieber im Hotel oder mache mich auf dem Boot nützlich. 

 
Tag 1, Aufwärmen nach dem 2h-Schwimmen am Nachmittag.

Den Rest dieses Tages friere ich vor mich, trotz mehrerer Lagen Klamotten und meiner Daunenjacke. Das Abendessen und die Fortsetzung der Theorieeinheit zum Thema „Unterkühlung“ lenken davon nur bedingt ab. Ich bin froh, als ich irgendwann ins Bett kann und schlafe sofort ein.

Sonntag, 19. Januar 2014

Debriefing, Teil II

Drölfzig Wochen nach Zürich. Der angekündigte zweite Teil vom Debriefing ist mehr als überfällig.

Also: Was lief gut, was würde ich mir bei einem nächsten Mal selbst empfehlen? Sieben garantiert subjektive Tipps.

1.) Leg dich fest.
Irgendwann nach meinem ersten Langdistanztraining war ich mir sicher, dass ich 26,4 Kilometer am Stück durch den Zürichsee schwimmen will und dabei im 12h-Zeitlimit der Veranstalter bleiben kann. Ernsthafte Zweifel daran ließ ich nie zu. Ich "wusste", dass ich es schaffen kann, wenn ich gesund blieb und mich richtig vorbereitete. Was ich da noch nicht wusste: Wie lange würde ich für die Strecke brauchen und wie sollte ich trainieren?

2. Sei realistisch
In den Vorjahren waren die schnellsten Frauen in meiner Kategorie (über 40, ohne Neopren) nur etwa 8 Stunden unterwegs. Daran war für mich nicht zu denken. Klar war, dass ich Beckenzeiten nicht einfach hochrechnen kann. Und "draußen" war ich bis dahin nie mehr als 4,5 Kilometer am Stück geschwommen, jedenfalls nicht mit Zeitmessung. Im Bewerbungsformular für Zürich gab ich deshalb ganz vorsichtig, so dachte ich jedenfalls, zehn Stunden als Zielzeit an. Das entsprach einem Schnitt von etwa 2,8 Stundenkilometern plus 30 Sekunden Verpflegungspause nach jedem Kilometer plus einer Umwege- und Risikozulage.
Als ich die Zusage für einen Startplatz hatte, begann ich ernsthaft mit dem Training. Der Plan stand mittlerweile, die Logistik auch. Aber ich merkte bald: Die für Zürich angepeilte Zielzeit war zu ambitioniert. Nur weil ich im Stundentest problemlos 3 km schaffte, hieß das für längere Strecken nämlich leider gar nichts. Ich grummelte eine Weile vor mich hin, entschärfte mein Zeitziel dann aber doch auf "irgendwas zwischen zehn und elf Stunden".

2.) Bleib dran
Das Thema Zielzeit blieb trotzdem schwierig. Anfangs lief alles recht gut, ich hatte sogar vier Wochen früher mit der Vorbereitung begonnen als mein Trainingsplan vorgab. Ab und an haderte ich allerdings mit den Bedingungen rund ums Schwimmen. Aufstehen um halb sechs in der Früh, zu viele Leute auf der Bahn oder der Zeitaufwand für Wege, ja, sogar das Haarewaschen und -föhnen nervten. Noch schlimmer war, dass ich im Januar und Februar erkältet vier Wochen pausieren musste. Der Wochen früher erschwommene Vorsprung war damit aufgebraucht.
Aber ich führte ein Trainingstagebuch, sah Fortschritte und hielt mich weiter an meinen Trainingsplan. Allerdings: Auch mein eher gemächliches Langstreckentempo konnte ich nicht so lange halten wie ich wollte. Das sorgte gelegentlich dafür, dass das Schwimmen keinen Spaß mehr machte. Was nicht sein durfte (siehe auch Punkt 7). Ich fuhr deshalb das anstrengende Tempotraining zurück und erinnerte mich daran, dass 26,4 Kilometer anspruchsvoll genug waren und Schultern und Arme schon allein durch die Trainingsumfänge reichlich strapaziert würden. Natürlich arbeitete ich trotzdem daran, mein Tempo wenigstens immer länger zu halten. Ich verschob Trainingsschwerpunkte, verlegte das Technik- und Ausdauertraining in die Morgenstunden. Um diese Zeit war ich eh immer langsamer als geplant. Die Schnelligkeitsausdauer-Einheiten klappten dagegen nachmittags oder abends oder in der Gruppe besser. Das funktionierte ganz gut, die Zeiten stabilisierten sich auch über längere Strecken. Und weil ich mein eigentliches Ziel, also die 26,4km, nie gefährdet sah, wurde ich immer zuversichtlicher.

3.) Mach dein eigenes Ding
Viele Langstreckenschwimmer kommen mit drei oder sogar nur zwei Einheiten pro Woche aus und absolvieren dann jedesmal lange bis sehr lange Umfänge. Andere sind vier- bis sechsmal im Wasser, aber mit nur einer längeren Einheit pro Woche. Wieder andere ersetzen Einheiten im Wasser durch Trochentraining an Land. Für mich funktionierte die zweite Variante deutlich besser: Pro Woche drei, später vier und dann fünf kürzere Einheiten - und jeweils eine lange.

4.) Nimm Dir Zeit
Einig sind sich die meisten Ausdauerschwimmer offenbar darin, dass neben einer gewissen Regelmäßigkeit auch die richtige Dauer der Vorbereitungszeit wichtig ist. Marathon-Anfängern wird zudem ein allmähliches Hochfahren der Umfänge empfohlen, um Muskeln und Schultergelenke zu schonen. So war auch mein Trainingsplan angelegt, und ich hielt mich im Großen und Ganzen daran. Mit etwas Abstand und einem immer noch leicht beleidigt wirkenden linken Oberarm denke ich mittlerweile aber, dass eine längere Vorbereitungszeit sinnvoller gewesen wäre.

5.) Be social
Schwimmen gilt auch als einsamer Sport, wie gemacht für introvertierte Einzelgänger. Richtig ist: Unterhaltungen sind beim Schwimmen nicht drin. Allein ist man in Bädern aber eher selten und Zeit für einen kurzen Plausch oder ein "Wie gehts?" bleibt am Beckenende immer. Viele Schwimmer freuen sich erfahrungsgemäß, wenn sie bekannte Gesichter sehen und nehmen dann auch eher gegenseitig Rücksicht. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. Im Freiwasser ist allein unterwegs sein sowieso tabu. Ich nutze deshalb dankbar jedes halbwegs passende Event als Testschwimmen und freute mich immer über den Kontakt zu anderen Langstreckenschwimmern.

6.) Finde Unterstützer
Für mein Marathonevent brauchte ich Unterstützung. Mit Trainingspartnerin Ines hatte ich glücklicherweise zugleich eine "Crew" für Zürich, die Langdistanzen gewohnt und im Freiwasser erfahren ist. Außerdem ist sie gern schon morgens um halb sieben im Freibad. Das Wissen, sie dort zu treffen, motivierte mich immer wieder enorm. Extrem hilfreich war zudem, dass sie beim Wakenitzman meine Verpflegung und das Paddeln des Begleitbootes übernahm. Auch dank dieses Tests klappte auf dem Zürichsee dann alles reibungslos.

7.) Hab Spaß
Der vielleicht wichtigste Punkt. Ich schwimme gern. Aber die Umstände sind manchmal suboptimal. Richtig Spaß macht es, wenn ich fit bin und meine Bahn frei (ganz egal, ob im Freiwasser oder im Becken). Spaß macht es auch, wenn ich erstmal mit dem Einschwimmen fertig bin und plötzlich alles wie von selbst geht, wenn keine Feuerquallen in der Nähe sind oder wenn das Wasser im Schwimmbecken nach gar nichts riecht. Wenn grad mal alles schwierig zu sein scheint, drehe ich ein einfach so ein paar lockere Runden - ohne Ziel und ohne Zeitvorgabe. Funktioniert immer.


Samstag, 7. September 2013

Debriefing, Teil I


Fünf Wochen später. Zeit fürs Debriefing. Oder so etwas in der Art. Ich fange mal mit den messbaren Dingen an.

Spaß haben, durchhalten, im 12h-Zeitlimit des Veranstalters bleiben und Verletzungen vermeiden. Das waren meine schwimmerischen Ziele für Zürich. Soweit habe ich die auch alle erreicht. Die vielen Triggerpunkte, die meine Physiotherapeutin zwei Wochen nach dem Event zwischen meinen Schulterblättern und am linken Oberarm fand, ignorier ich hier jetzt mal geflissentlich.


DÌE VORBEREITUNG
Vorbereitungsdauer laut Trainingsplan:
Sieben Monate. Tatsächlich waren es krankheitsbedingt nur sechs. Reichte hin.

Zu schwimmende Kilometer laut Trainingsplan:
Etwa 500. Erreicht. 

Das Training:
  • Anfangs zwei bis drei, später bis zu sechs Einheiten in der Woche: davon zwei mit Triathleten im Verein, die eine oder andere mit Vereinskollegin Ines morgens im Freibad, der Rest allein.
  • Pläne für einzelne Einheiten hab ich mir im Marathonschwimmer-Forum abgeguckt, insbesondere hier und hier. Auch im Swimsmooth-Blog werden immer wieder mal Einheiten zur Verfügung gestellt, beispielsweise in einem Programm zur Vorbereitung auf den Rottnest Channel, ein in Australien sehr populäres 20km-Event (hier, PDF, S. 6-7). Und das Swimsmooth-Buch enthält eine ganze Reihe von Plänen beziehungsweise Modulen für einzelne Sessions und ihre Schwerpunkte (Ausdauer, Schnelligkeitsausdauer, Technik).
  • In Sachen "Langfristplanung" habe ich mich weitgehend an Empfehlungen des SV Limmat für ein 25 Kilometer-Event gehalten. Die richten sich an Leute, die "nur" ankommen wollen. Hat wunderbar funktioniert. Und sah in der Theorie so aus (zur praktischen Umsetzung dann mehr in Teil II):
    • 1.-4. Woche: 3 Trainings 3 km (total 9 km), 4 Ruhetage. [...] Die Zunahme des Trainingsumfangs darf pro Woche über den ganzen Zeitraum gesehen etwa 10% nicht übersteigen.
    • 5.-8. Woche: 4 Trainings 3 km (total ca. 12 km), 3 Ruhetage
    • 9.-12. Woche: 5 Trainings 3 km (total ca. 15 km), 2 Ruhetage
    • 13.-16. Woche: 5 Trainings 3 km, 1 Training 5 km (total 20 km), 1 Ruhetag
    • 17.-20. Woche: 5 Trainings 3 km, 1 Training 7 km (total ca. 22 km), 1 Ruhetag
    • 21.-22. Woche: 4 Trainings 4 km, 1 Ruhetag, 1 Training 10 km (total 26 km), 1 Ruhetag
    • 23.-24. Woche: 2 Trainings 3 km, 1 Training 8 km, 1 Ruhetag, 2 Trainings 3 km, 1 Training 8 km (total 28 km)
    • 25. Woche: 5 Trainings 4 km, 1 Ruhetag, 1 Training 13 km (total 33 km)
    • 26. Woche: 1 Ruhetag, 4 Trainings 4 km, 1 Ruhetag, 1 Training 8 km (total 24 km)
    • 27. Woche: 5 Trainings 4 km (total 20 km), 2 Ruhetage eingeschaltet nach freier Wahl
    • 28. Woche mit Rennen: 3 Trainings 3 km, 1 Ruhetag, die letzten 2 Tage vor dem Wettkampf nur je 1 km (total 11 km).

Techniktipps und Motivatoren: 
So viel wusste ich, bevor ich mit der Vorbereitung auf die 26,4km-Strecke in Zürich anfing: Marathonschwimmer trainieren in Teilen anders als Beckenschwimmer und auch anders als Leute, die sich im Freiwasser an Distanzen bis 10 Kilometer wagen. Und so sehr viele Marathonschwimmer gibts da, wo ich wohne, nicht. Also sah und tat ich mich ein wenig um:
  • Langstreckenspezifische Technikhinweise fand ich vor allem bei Swimsmooth (im Blog und im Buch)
  • Austausch: Kontaktmöglichkeiten mit und Tipps von anderen Langstreckenschwimmern gibts unter anderem bei Marathonswimmers.org und bei Facebook, hier zum Beispiel in den deutschprachigen Gruppen "Langstreckenschwimmer" und "Extremschwimmer". Und Schwimmevents sind natürlich immer gut, um Kontakte zu vertiefen oder neue Leute kennenzulernen.
  • Trainingscamps: Mal abgesehen von den spezifischen Schwimmeinheiten (bis zu sechs Stunden am Stück im Freiwasser) und idealen Bedingungen (Meer oder anderes offenes Gewässer, Wassertemperaturen unter 20 Grad) ist es einfach toll, andere Marathonschwimmer zu treffen.
  • Trainingspartner und Mentoren: sind Gold wert. Sie finden das Vorhaben total normal, kennen sich im Idealfall selbst mit solchen Distanzen aus, haben immer ein offenes Ohr und können gut motivieren. Neben den Leuten aus meinem Verein und Trainingspartnerin Ines konnte ich bei Bedarf auf einen erfahrenen australischen Schwimm-Coach zählen. Mentoring per Mail: feine Sache, das.

DER AUFWAND:

Das liebe Geld
Etwa 4.000 Euro hat mich die Schwimmerei von Januar bis August gekostet. Trainingscamps, Eintrittsgelder, Startgebühren, Reisekosten und Ausrüstung inklusive.
Und ja, es wäre wohl auch deutlich günstiger gegangen: Eines der beiden Trainingscamps, ein paar Schwimm-Gadgets und ein Teil der Zürich-Reisekosten (Hotel) waren sehr hilfreich, wären so aber nicht absolut notwendig gewesen. 

Aufgedröselt sieht das in etwa so aus:
  • Ausrüstung: 5 Schwimmanzüge (ca 200 Euro), 5 Schwimmbrillen (100 Euro), Taktgeber "Wetronome" (40 Euro); GPS Device (200 Euro); Flossen, Pull Buoy, Sonnencreme, Gels, Eiweißriegel und Sonstiges (150 Euro)
  • Eintritt Bäder (250 Euro)
  • 2 Trainingslager (1.000 und 500 Euro)
  • Startgelder Trainingsevents (150 Euro) und Fahrt-/Übernachtungskosten (200 Euro)
  • Sportmassagen (150 Euro)
  • Sri Chinmoy Marathon Schwimmen Zürich: Startgeld, Begleitboot und Doku-DVD (400 Euro), Reise- und Nebenkosten (600 Euro)

Der zeitliche Aufwand

Der Gesamtaufwand dürfte bei etwa 730 Stunden gelegen haben.
Auch das lässt sich weiter aufdröseln.

400 Trainingskilometer (ohne Trainingsevents und -camps):
  • Zeit im Wasser: je nach Trainingsschwerpunkt 20-30min/km, insgesamt ca 150h.
  • 60 Minuten je Einheit (ca 80 Einheiten gesamt) für Anfahrt, Umziehen und Haare trocknen.
Macht 230 Stunden.

100 Kilometer in Trainingsevents und -camps und in Zürich:
Nochmal 500 Stunden. Davon nur ca 40 im Wasser, der Rest kommt durch die umgewidmeten Wochenenden und Urlaubstage zusammen.

Nicht berücksichtigt sind die vielen Stunden, die ich gelesen hab: Im Marathonschwimmerforum, in Schwimm-Büchern, bei Facebook und vor allem in den doch erstaunlich vielen (Trainings-)Blogs, die insbesondere von Ärmelkanal-Aspiranten mit viel Akribie geschrieben werden.


DAS FAZIT
Es hat sich gelohnt!

Soviel zu Teil I. :-) 

Freitag, 9. August 2013

Geschafft!!!


Angekommen! Marcus (links) und Jörg schwammen mit Neopren, ich ohne.

Tatsächlich. Ich bin die 26,4 Kilometer von Rapperswil nach Zürich geschwommen. Und dafür, dass es meine erste Distanz über mehr als 20 Kilometer war, ging es erstaunlich gut. Jedenfalls kommt es mir im Nachhinein so vor. Ich wusste, ich war gut vorbereitet, hatte meinen Trainingsplan eingehalten und würde wohl irgendwie im vom Veranstalter gesetzten Zeitlimit von 12 Stunden ankommen. Dass ich meine Wunschzielzeit von 10,5 Stunden schaffe, darauf hätte ich in den vergangenen Wochen nicht wetten wollen. Im zweiten Drittel des Events übrigens auch noch nicht.

Vor dem Start
Wir Einzelschwimmer starteten um 7 Uhr im Schlossbadi Rapperswil, 15 Minuten später machten sich die Staffeln auf den Weg. Die Begleitboote konnten ab 6 Uhr beladen werden, um 6:45 Uhr mussten sie sich draußen auf dem See ein Plätzchen suchen und warten. Sie würden ihre Schwimmer nach dem Start ausfindig machen und sich neben sie setzen.

Meine Betreuerin Ines und ich waren pünktlich im Badi, wurden dort sofort von einem Mann angesprochen, der sich als Röbi vorstellte und unser Bootsführer sein würde. Sein Boot war motorisiert und hatte sogar eine kleine Kabine. Ines würde bei Regen also nicht komplett im Freien sitzen müssen. Der Wetterbericht hatte viel Sonne vorhergesagt, aber auch vor möglichen Gewittern und Sturmböen gewarnt.

Röbi stellte sich und sein Boot schon zum vierten Mal für einen Schwimmer zur Verfügung. Ich war angenehm überrascht, die Sri Chinmoy-Leute hatten mich im Vorfeld nämlich gefragt, ob ich auch mit einem Ruderboot und zwei Ruderern einverstanden sei. Ines hätte also nicht rudern müssen. Aber wie sich noch zeigen sollte, waren Röbi und sein Boot das beste, was uns passieren konnte.

Ines kenne ich seit der Schulzeit, wir schwimmen im gleichen Verein und Langstreckenathletin ist sie auch. Sie hat mehrere Langdistanzen im Triathlon gefinisht, etliche Marathons seeehr zügig absolviert, schwimmt viel schneller als ich und Freiwassererfahrung bringt sie auch mit. Außerdem ist sie immer herrlich unaufgeregt und extrem zuverlässig. Als sie vor einigen Monaten anbot, mich während des Events vom Boot aus zu betreuen, sagte ich sofort ja.

Kurz vor dem Start plauderten wir noch ein wenig mit Heather Osborne, einer Neuseeländerin, die auch in meiner Kategorie startete (Frauen über 40 ohne Neoprenanzug). Heather sah die ganze Angelegenheit locker, für sie sei der Zürichsee "like a pool". Jaaa, wer zu den bislang gerade mal 88 Leuten gehört, die erfolgreich durch die Cook Strait geschwommen ist, darf das wohl so sehen. Die beiden Amerikanerinnen in meiner Kategorie, Patti Bauernfeind und Barbara Held, sind von ähnlichem Kaliber und in der Langstreckenschwimmer-Welt ebenfalls sehr bekannt. Alle drei würden lange vor mir im Ziel sein, Patti nach nicht mal 8 Stunden - neuer Rekord in unserer Kategorie. Eine fünfte Starterin in unserem kleinen Seniorinnenkreis will in diesem Jahr noch durch den Ärmelkanal schwimmen. Wie ich später hörte, kenterte ihr Boot während des Rennens und sie musste das Rennen leider abbrechen.   

Irgendwann wurden wir aufgefordert, ins Wasser zu gehen und uns mit einer Hand an der Stange festzuhalten, die den Nichtschwimmerbereich im Badi markierte. Der See lag flach wie ein Pfannkuchen vor uns, der Himmel war wolkenlos und die Sonne lugte gerade über die Bergkämme hinter uns. Perfekte Bedingungen. Dann kam der Startschuss.

Ich schwamm gemächlich los. Meine Strategie sah vor, die ersten drei Kilometer langsam anzugehen. Und zwar so langsam, dass es sich total lächerlich anfühlt. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich dann immer noch etwa 2,6 bis 2,7 km/h "schnell" bin. Und wenn ich dieses gefühlt niedrige Anfangs-"Tempo" die ganze Zeit durchhielte - Verpflegungspausen hinzugerechnet -, dann könnte ich nach 10,5 bis 11 Stunden in Rapperswil sein. Soweit die Theorie.

Tatsächlich war ich auf den ersten Kilometern dann doch etwas schneller, so um die 2,8-2,9 km/h. Das Boot war zwar schon bald nach dem Start neben mir aufgetaucht, war dann aber einen Tick zu schnell für mich. Röbi brauchte einen Moment, um sich und den Autopiloten seines Bootes auf mein Tempo einzurichten. Nach 60 Minuten war es Zeit für den ersten Verpflegungsstopp.

Ich schnappte mir den von Ines über die Bordwand gehaltenen Becher und ein Gel. Während des Rennens darf der Schwimmer weder das Boot noch eine Begleitperon berühren und natürlich auch nicht an Land gehen. Nach etwa 15 Sekunden Pause steuerte ich weiter auf die erste Landzunge zu. Das heißt, Röbi steuerte das Boot in die richtige Richtung und ich schwamm einfach immer rechts nebenher (ich atme überwiegend nach links). Eiserne Regel bei einem solchen Event ist: Das Boot führt den Schwimmer und nicht umgekehrt. Blöd nur, wenn es doch andersrum ist, wie das in diesem Erfahrungsbericht aus dem Jahr 2011 geschildert wird.

Ich freute mich jedenfalls, dass ich nicht selbst "sichten" musste. Das spart Kraft und sorgt für gleichmäßiges Vorankommen. Außerdem hielt ich die eigentlich etwas zu hohe Anfangsgeschwindigkeit dann doch bei. In der Pause hatte ich bemerkt, dass uns von weiter vorne eine dicke Wolkenwand entgegenkam und wollte Strecke gemacht haben, so lange das Wasser ruhig blieb.

Mit Ines war vereinbart, dass ich alle dreißig Minuten etwa 250ml Wasser, und spätestens nach jeder Stunde auch ein Gel zu mir nehmen würde. Fünf Minuten vorher gab sie mir ein Handzeichen und ich bestätigte durch Kopfnicken, dass ich sie gesehen hatte. So konnte ich die letzten Minuten vor der Pause etwas schneller schwimmen, ich würde dann ja wieder auftanken können. Und außerdem blieb mir so genug Zeit, um Wünsche anzumelden. Also rief ich "Gel und Wasser und Sonnencreme!" (letzteres als Spray, Körperkontakt war ja nicht erlaubt) oder "Tee und Tuc und Gel" oder "Eiweißriegel und Wasser und Tee". Meist blieb es aber doch bei Gel und Wasser, in dieser Reihenfolge.

Die ersten beiden Stunden im Wasser lagen hinter mir, ich schwamm in gleichmäßigem Tempo neben dem Boot her, Verständigung und Verpflegung klappten reibungslos. Ab und an atmete ich nach rechts und warf dabei einen Blick auf die pittoreske Landschaft, gelegentlich sah ich auch eines der anderen Boote in der Nähe. Ein paar Mal wurde ich überholt, an den Startnummern auf den Badekappen sah ich, dass das meist Staffelschwimmer waren. Also: Alles war gut. Und etwas eintönig.

Dann plötzlich waren dunkle, tief hängende Wolken über uns, strammer Wind und ziemlich hohe Wellen kamen mir entgegen. Ich musste mich zunehmend ins Zeug legen, um neben dem Boot zu bleiben. Röbi, der bislang mit Ines hinten im Boot stand (der Autopilot machte es möglich), verschwand in der Kabine hinter dem Steuer und Ines streifte sich eine Regenjacke über. Das Wasser wurde immer kabbeliger, der Wind stärker. Es nützte nix, an gemächliches Cruisen war nicht mehr zu denken, ich musste mich richtig anstrengen und konnte nur hoffen, dass das über uns kein Gewitter war. Blitze oder eine Sturmwarnung Stufe 2 (wir waren bei Stufe 1) hätten den sofortigen Abbruch oder zumindest eine Unterbrechung des Events und ein Ende der Zeitwertung bedeutet.

Ich hielt derweil etwas mehr Abstand vom Boot, konnte dadurch mehr sehen und bemerkte, dass einige Kajaks und Ruderboote weit abgetrieben wurden. Ich beneidete weder die Schwimmer noch ihre Crews in den Booten. Röbi und sein Boot hielten eisern den Kurs und spätestens jetzt wurde mir klar, dass ich mit ihm riesiges Glück hatte. Und da begann die Sache Spaß dann sogar Spaß zu machen.

Inzwischen hatte ich mich auch dem Rhythmus der Wellen angepasst und kam gefühlt gut voran, auch wenn es sehr anstrengend war. Aber ich hoffte, dass der Wind bald weniger werden und meine Kraft reichen würde, um vor dem Zeitlimit ins Ziel kommen zu können.

Irgendwann winkte Ines mich wieder näher zum Boot. Die Wolken waren noch dunkel, aber der Wind hatte etwas nachgelassen und das Wasser wurde ruhiger. Etwas später, ich hatte kein Zeitgefühl mehr, passierten wir den 1. Cut-off-Punkt in Meilen. Ich wusste, dass wir kurz danach an den querenden Fähren vorbei mussten. Ich hatte Glück: Wir konnten ohne Warterei weiterschwimmen. Und damit waren die ersten 14 Kilometer nach 5:20 Stunden geschafft.

Ich lag für die Umstände und meine Verhältnisse also ganz gut in der Zeit. Allerdings merkte ich, dass ich deutlich langsamer wurde. Die etwa 1,5 Stunden in Wind und Wellen zollten ihren Tribut. In den nächsten ungefähr zwei Stunden kam ich kaum voran. So kam es mir jedenfalls vor. Die Landschaft rechts von mir schien sich kaum zu verändern und als Ines mir zurief, dass es 15 Uhr sei, fing ich an zu rechnen. Eigentlich hätte ich um diese Zeit etwa anderthalb bis zwei Kilometer weiter sein müssen. Wenn ich so weitermachte, könnte es mit dem Zeitlimit knapp werden. Dann tat auch noch der linke Oberarm kurz unterhalb der Schulter weh. Und ich hatte plötzlich den Eindruck, dass Röbi nicht mehr auf der Ideallinie fuhr. Wenn dem so war, hatte er bestimmt einen guten Grund. Und ich vielleicht eine Erklärung, warum ich so langsam war. Dann fiel mir auch noch ein, dass ich beim letzten Stopp nur Schwarztee und zwei Cracker zu mir genommen hatte. Ich fragte mich, ob das zu wenig gewesen war.

Beim nächsten Verpflegungsstopp stellte sich dann heraus, dass ich Ines vorher falsch verstanden hatte. Jetzt erst war es 15 Uhr. Wir waren also voll im Zeitplan und meine Wunschzeit von 10,5 Stunden noch erreichbar. Und natürlich fuhr Röbi keine Umwege. Ich griff nach dem Becher mit dem Wasser und nach dem Gel. Gegen die andauernden Schmerzen im Oberarm forderte ich eine halbe Stunde später eine Ibuprofen an, die ich mit Wasser, einem Stück Eiweißriegel und Gel runterspülte. Zum ersten Mal überhaupt in meiner Schwimmgeschichte nahm ich beim Schwimmen einen Entzündungshemmer. Eine weitere Tablette hätte ich mir nicht erlaubt nach allem, was ich über Entzündungshemmer und Ausdauersport gelesen habe.

Ich kraulte nun auch wieder etwas zügiger vor mich hin - und es ging mir gut. Das Missverständnis mit der Zeit war geklärt, die Schmerzen verschwanden, ich kam gut voran und der Himmel war erneut wolkenlos. Ein- oder zweimal sprang Ines auf der anderen Seite des Bootes ins Wasser und kletterte wenige Minuten später wieder an Bord. Röbi tat es ihr irgendwann nach und Ines hütete für wenige Minuten das Steuer. Ich grinste vor mich hin. Eine Toilette gabs an Bord nun mal nicht.

"Es dauert so lange, wie es dauert" und "Ich bin da, wenn ich da bin" murmelte ich gelegentlich und eher prophylaktisch vor mich hin. Es funktionierte: Ich schwamm zuversichtlich und geduldig vor mich hin, von Verpflegungsstopp zu Verpflegungsstopp. Die Intervalle hatte ich inzwischen auf 25 Minuten verkürzt.

Immer wieder mal dachte ich unterwegs an Susan Taylor, die englische Schwimmerin, die wenige Wochen zuvor im Ärmelkanal zusammengebrochen war und starb. Es scheint immer noch unfassbar. Ich hatte sie im April beim Langstreckentraining kennengelernt und ihr Training seither auf Facebook und Twitter verfolgt. Sie machte einen fitten Eindruck und freute sich auf ihre Ärmelkanalquerung. Außerdem war sie eine sehr sympathische, fröhliche Frau und ihr Faible für die Farbe lila war ständiger Anlass für Geschmunzel und Gelächter. Alles an ihr schien lila zu sein: Uhr, Mütze, Jacke, Handtücher,... Deshalb fiel meine Wahl am Sonntag auf einen Badeanzug mit hohem Lila-Anteil. Bin mir fast sicher, dass Susan irgendwann auch am Zürichseeschwimmen teilgenommen und es sehr genossen hätte. Aber leider sollte es nicht sein.

Ich dachte aber auch an all die Leute, die mir an diesem Tag die Daumen drückten. Damit hatte ich eine ganze Weile zu tun und die Zeit verging. Bei den Verpflegungsstopps informierte Ines mich darüber, welche Schwimmer und Staffeln in der Nähe waren und was es an Land zu sehen gab. Das Haus von Tina Turner gehörte dazu.

Irgendwann war das Strandbad Tiefenbrunnen, unser Ziel, in Sicht. Auf dem Weg dahin, es waren noch drei Kilometer, überholte ich noch eine Staffel und einen Einzelschwimmer und dann rief Ines mir zu, dass wir fast da seien. Die letzten 150 Meter darf das Boot wegen der vielen Badegäste nicht mitfahren. Also schwamm ich allein auf die Ausstiegsstelle zu - und war da.

Ich konnte sogar sofort die paar Stufen hoch aufs Trockene laufen, dort wurden mir eine Girlande aus Kunstblumen und eine Finishermedaille umgehängt und ein Mikrofon vor die Nase gehalten. Ich antwortete auf ein paar Fragen, an die ich mich nur noch dunkel erinnere. Es ging wohl darum, wie es mir geht (sehr gut) und wie ich es fand (klasse). Dann drückte mir jemand was zu trinken in die Hand und Ines und Röbi tauchten auch wieder auf. Sie hatten das Boot am benachbarten Steg festgemacht. Die beiden sind meine Helden, ohne sie wär ich nicht so problemlos und schnell im Ziel gewesen. Herzlichen Dank, ihr beiden!

Fazit: jederzeit wieder!

Vor dem Start: Mein Pilot Röbi, sein Boot und ich.
Früh um sechs Uhr: Schwimmer und Begleitboote sammeln sich im Schlossbad Rapperswil.
Das Wetter ändert sich.




Unterwegs in Wind und Wellen...
...und dann wieder bei Sonnenschein.
Urkunde und Finishergeschenke.
Legendär, vegan, lecker. Die Verpflegung im Ziel.
Mein Dreamteam.
Die Swimmap, Teil I.
Swimmap, Teil II.

Mittwoch, 31. Juli 2013

Von Hiddensee nach Rügen

Das 10. Inselschwimmen von Neuendorf (Hiddensee) nach Schaprode (Rügen) würde nach meiner Teilnahme in 2010 und 2012 also mein drittes Inselschwimmen sein. Trainingspartnerin Ines war auch wieder dabei. Anreise, Ablauf und Teilnehmerfeld glichen denen der Vorjahre. Wir kamen Freitagabend auf Rügen an, stellten uns mit meinem Camper auf den Bolzplatz des nahegelegenen Campingplatzes und trafen prompt ein paar uns schon bekannte Schwimmer.

Das Wetter war hochsommerlich gut, die Startunterlagenausgabe unproblematisch, das Wasser warm und außerdem ziemlich ruhig und die Überfahrt nach Hiddensee sowie der Start fanden pünktlich statt. Ich hatte mir vorgenommen zügig zu schwimmen, eine bestimmte Zeit peilte ich aber nicht an. Die Strecke war wieder durch viele gut sichtbare Bojen markiert und außerdem hatte ich die ganze Zeit zwei bis drei Schwimmer in meiner Nähe, von denen einer abwechselnd Brust und Kraul schwamm und sich bald vor mich setzte. Da er durchs Brustschwimmen einen guten Überblick über die Strecke hatte, schwamm ich einfach etwas versetzt hinter ihm her und sparte mir das anstrengende Sichten. In der Mitte der Strecke wurde das Wasser kabbelig, ansonsten war es eher glatt. Quallen gabs auch reichlich, insbesondere gegen Ende der Strecke. Aber es waren anscheinend keine Feuerquallen dabei, jedenfalls tat nix weh.

Die letzten etwa 200 Meter mussten wieder gegangen bzw gelaufen werden, zum Schimmen war das Wasser da einfach zu flach. Einer der drei Männer direkt vor mir sprintete noch schnell an den anderen beiden vorbei und machte aus dem Event ein Swim and Run. Wers braucht... Als ich ins Ziel kam, zeigte die dort positionierte Uhr 1.37h und irgendjemand rief mir zu, dass ich die achte Frau (von 25) im Ziel sei. Gar nicht mal so schlecht für lediglich zügiges Schwimmen. Ines hatte es da schon eiliger: Sie war sieben Minuten vor mir fertig und belegte den sechsten Platz.


Dienstag, 23. Juli 2013

Endspurt

Nur noch zwei Wochen bis Zürich. Ich fange an zu tapern, also den Trainingsumfang deutlich zu reduzieren, damit ich die 26,4 Kilometer in Zürich ausgeruht angehen kann. Deshalb stehen in der ersten Taperwoche lediglich 20 Kilometer an, in der zweiten sogar nur noch elf.

In der ersten Woche will ich einen großen Teil des Umfangs durch zwei nette Trainingsevents abdecken: am Samstag nehme ich zum dritten Mal am Inselschwimmen von Hiddensee nach Rügen (4,5km) teil, am Sonntag schwimme ich als Teil einer 2er-Staffel durch die Wakenitz in Lübeck (7km je Schwimmer).

Montag, 22. Juli 2013

1. Inselschwimmen Norderney

Auf das 24. Internationale Nordseeschwimmen in 2012 folgte jetzt das... 1. Inselschwimmen Norderney. Nachdem sich die bisherigen Organisatoren (leider) zurückgezogen hatten, fand sich (glücklicherweise) ein neues Team, dass das beliebte Event fortführt. Zwar in abgewandelter Form und an einem anderen Ort, aber prinzipiell gehts um das Gleiche: um eine Insel, die Küste und die Strecke dazwischen.

Da steht zwar "Start", es war aber der Zielbereich auf Norderney. Iwo im Hintergrund: Die Nordseeküste.
Diesmal gings nicht von Bensersiel nach Langeoog sondern von Hilgenriedersiel nach Norderney. Die Strecke: ca 8,2 Kilometer, geschwommen bei ablaufendem Wasser.
Die Kategorien: Monoflossenschwimmer, Flossenschwimmer und Barfußschwimmer. Keine Kategorie für barfüßige Schwimmer ohne Neopren.
Die Witterungsbedingungen: sommerliches Wetter, Wasser um 20 Grad, ziemlich viel (Rücken-)Wind.
Sonstiges: Feuerquallen (wahhhh!)

Knapp 300 Schwimmerinnen und Schwimmer trafen sich am Sonntagmorgen in Norddeich auf dem Parkplatz P2 der Fähre nach Norderney. Dort konnten die Startunterlagen inklusive Zeitnahme-Chip abgeholt, eine Tasche mit Sachen für nach dem Schwimmen abgegeben und eine für alle ausreichende Zahl von WCs genutzt werden. Außerdem starteten hier die Shuttlebusse ins zehn Kilometer entfernte Hilgenriedersiel. Von dort gings zu Fuß zum Start.

Nach der Busfahrt wurden zuerst mal die wenigen Toiletten für die Herren und das einzige Damen-WC auf dem Betriebshof der NLWKN (Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) in Beschlag genommen. Wer nicht in der Schlange stand, konnte sich kostenfrei mit ein oder zwei Getränken versorgen. Die dann folgende Wettkampfbesprechung war leider gar keine, sondern wurde durch honorige Dankesreden und eine Art symbolischer Staffelstab-Übergabe von alten und neuen Organisatoren ersetzt. War wahrscheinlich anders geplant. Aber auch nach dem mehrminütigen Spaziergang Richtung Startbereich (alle hatten natürlich Badeklamotten an, die allermeisten auch Neoprenanzüge drüber) und einiger Wartezeit mitten auf einer Wiese gabs keine Besprechung. Schließlich am Wattrand angekommen sollten wir ohne weiteren Verzug etwa 500 Meter weit in das dort etwa hüfttiefe Wasser waten. Dort markierten einige der Begleitboote die Startlinie.

Auch jetzt gabs keinerlei Streckenhinweise für die Teilnehmer. Zwar waren im Vorfeld ausführliche Hinweise - auch zur Strecke - an die Teilnehmer verschickt worden (und ich war froh, dass ich sie aufmerksam gelesen hatte), aber ein paar aktuelle Informationen zur Strecke wären schon hilfreich gewesen. So wussten wir zum Beispiel zunächst nicht, ob wir vor oder hinter einem mitten im Watt liegenden Kahn (sah mehr nach Bohrinsel aus) einen Bogen in Richtung Insel schwimmen sollten. Zum Glück gab jemand auf einem der Begleitboote den richtigen Hinweis: Es ging hinter dem Kahn weiter, von da aus sollten uns orangfarbende Leitbojen bzw -tonnen leiten.

Nach weiteren 20 Minuten recht warmen Wasser hatten alle Teilnehmer den Weg zur Startlinie gefunden - und los gings. Ich hörte zwar keinen Startschuss, aber als die ersten Schwimmer wie die wilde Wutz losschwammen, taten es ihnen alle anderen gleich.

Das Wasser war kabbelig und sehr salzig (hatte ich wieder ganz vergessen, das Mittelmeer vor Mallorca schmeckte nach weniger Salz), die Sicht unter Wasser war gleich null und der Seitenwind, der durch den Streckenverlauf zum Rückenwind wurde, recht heftig. Die Orientierung war nicht ganz leicht, weil Tonnen bzw Bojen wegen des Wellengangs und der vielen Begleitboote oft gar nicht zu sehen waren. Außerdem bewegten sich viele der Boote sehr zügig hin und her und der Kanal, den sie eigentlich für die Schwimmer bildeten, stellte sich deshalb nicht immer zweifelsfrei als solcher dar. Das Schwimmen machte dennoch Spaß, das Wasser war auch ohne Neo angenehm warm und ich war zügig, aber dennoch recht locker in Richtung Insel unterwegs.

Nach cirka halber Strecke sah ich dann allerdings schemenhaft etwas Hellbraunes an mir vorbeischweben und spürte im selben Augenblick an der linken Hand, am linkem Oberarm, an der Achsel und dem linkem Bein einen stechenden Schmerz. Grrrr, es waren also Feuerquallen unterwegs... Ich hoffte, dass ich nicht allergisch drauf reagierte und schwamm ohne Unterbrechung weiter, hörte dabei ein wenig in mich hinein und verwarf den aufkommenden Gedanken ans Heranwinken eines der Begleitboote. Ich vertraute darauf, dass die Schmerzen nach ein paar Minuten weniger werden würden (Salzwasser ist angeblich die beste Medizin) und darauf, dass keine weitere Qualle meinen Weg kreuzte.

Ein Andenken an die Qualle am Knie...

...eines am Unterarm. Eine Qualle, fünf Treffer. Der Schmerz verging fix, fies ist nur der lang anhaltende Juckreiz.
Ich konzentrierte mich also aufs Schwimmen. Mittlerweile hatte ich Rückenwind und irgendwann konnte ich den Zielbereich erahnen. Dort angekommen hieß es für alle Teilnehmer noch etwa 100 Meter durch gut knietiefen Schlick waten um dann vorsichtig eine recht glatte Rampe hochzuklettern.

Im Ziel hatte ich plötzlich ein Mikrofon vor der Nase samt Moderator des Events, der das Publikum bespaßte und auch die Schwimmer empfing. Als eine der ganz wenigen Schwimmerinnen ohne Flossen und Neoprenanzug durfte ich auf ein oder zwei launige Fragen zum kalten Wasser antworten. Ganz ungefragt habe ich außerdem meine Begegnung mit der Feuerqualle zum Besten gegeben.

In immer noch ziemlicher Hitze gings auf dem komplett schattenfreien Gelände zur Taschenausgabe. Die Tasche war da, aber leider hatte es der im Startbereich abgegebene Beutel mit meinen Flipflops, dem T-Shirt und einem Rock noch längst nicht auf die Insel geschafft. Klamotten hatte ich vorsorglich auch in die andere Tasche gepackt, Schuhe aber leider nicht... Etwas unangenehm, bei dem aufgeheizten Boden. Egal, die Duschen im nahegelegenen Seglerheim waren komfortabel und die recht bald durchgeführte Siegerehrung war zwar recht inhaltsfrei (Zeiten der Gewinner wurden nicht genannt...), dabei aber recht unterhaltsam. Allerdings wurden zwar die drei Monoflossenschwimmer geehrt, nicht aber die ein bis zwei Dutzend Bioprenschwimmer. Schade.

Nachdem nach der Siegerehrung auch die restlichen Klamotten angekommen waren, machte ich mich auf den gut 15-minütigen Fußweg zur Fähre und fuhr damit zurück nach Norddeich. Und irgendwann am Abend konnte ich auf der Internetseite des Events auch meine Zeit abrufen: 1:47h. Nicht schlecht für 8,2 Kilometer, der Rückenwind und das ablaufende Wasser machten es möglich.

Fazit:
Eine nette Veranstaltung, die in großen Teilen sehr gut organisiert war - in anderen leider noch nicht. Das wird in den kommenden Jahren aber sicher besser. Wer die knapp 50 Euro Anmeldegebühr nicht scheut (ist inklusive Shuttle zum Start, Fähre nach Norddeich, Duschen und Erbsensuppe am Ziel), sich auch in kabbeligem Wasser wohl fühlt, nicht ständig ein Begleitboot in der Nähe braucht und auch Feuerquallen nicht scheut, sollte eine Teilnahme durchaus erwägen.
Ein Warnhinweis: Auf Schwimmer ohne Neoprenanzug ist das Event schlicht NICHT ausgerichtet. Bei schlechtem Wetter und/oder kaltem Wasser sollte deshalb das Schwimmen mit Neoprenanzug erwogen werden.

Impressionen vom Event gibts auf der Facebookseite der Veranstaltung, auf der Internetseite leider (noch?) nicht.

Einen Bericht mit weiteren Details vom Nordseeschwimmen gibts beim Schwimmkalender.

Und in der ZDF-Mediathek gibts auch einen Bericht (ab Sendeminute 43:45).