| Angekommen! Marcus (links) und Jörg schwammen mit Neopren, ich ohne. |
Tatsächlich. Ich bin die 26,4 Kilometer von Rapperswil nach Zürich geschwommen. Und dafür, dass es meine erste Distanz über mehr als 20 Kilometer war, ging es erstaunlich gut. Jedenfalls kommt es mir im Nachhinein so vor. Ich wusste, ich war gut vorbereitet, hatte meinen Trainingsplan eingehalten und würde wohl irgendwie im vom Veranstalter gesetzten Zeitlimit von 12 Stunden ankommen. Dass ich meine Wunschzielzeit von 10,5 Stunden schaffe, darauf hätte ich in den vergangenen Wochen nicht wetten wollen. Im zweiten Drittel des Events übrigens auch noch nicht.
Vor dem Start
Wir Einzelschwimmer starteten um 7 Uhr im Schlossbadi Rapperswil, 15 Minuten später machten sich die Staffeln auf den Weg. Die Begleitboote konnten ab 6 Uhr beladen werden, um 6:45 Uhr mussten sie sich draußen auf dem See ein Plätzchen suchen und warten. Sie würden ihre Schwimmer nach dem Start ausfindig machen und sich neben sie setzen.
Meine Betreuerin Ines und ich waren pünktlich im Badi, wurden dort sofort von einem Mann angesprochen, der sich als Röbi vorstellte und unser Bootsführer sein würde. Sein Boot war motorisiert und hatte sogar eine kleine Kabine. Ines würde bei Regen also nicht komplett im Freien sitzen müssen. Der Wetterbericht hatte viel Sonne vorhergesagt, aber auch vor möglichen Gewittern und Sturmböen gewarnt.
Röbi stellte sich und sein Boot schon zum vierten Mal für einen Schwimmer zur Verfügung. Ich war angenehm überrascht, die Sri Chinmoy-Leute hatten mich im Vorfeld nämlich gefragt, ob ich auch mit einem Ruderboot und zwei Ruderern einverstanden sei. Ines hätte also nicht rudern müssen. Aber wie sich noch zeigen sollte, waren Röbi und sein Boot das beste, was uns passieren konnte.
Ines kenne ich seit der Schulzeit, wir schwimmen im gleichen Verein und Langstreckenathletin ist sie auch. Sie hat mehrere Langdistanzen im Triathlon gefinisht, etliche Marathons seeehr zügig absolviert, schwimmt viel schneller als ich und Freiwassererfahrung bringt sie auch mit. Außerdem ist sie immer herrlich unaufgeregt und extrem zuverlässig. Als sie vor einigen Monaten anbot, mich während des Events vom Boot aus zu betreuen, sagte ich sofort ja.
Kurz vor dem Start plauderten wir noch ein wenig mit Heather Osborne, einer Neuseeländerin, die auch in meiner Kategorie startete (Frauen über 40 ohne Neoprenanzug). Heather sah die ganze Angelegenheit locker, für sie sei der Zürichsee "like a pool". Jaaa, wer zu den bislang gerade mal 88 Leuten gehört, die erfolgreich durch die Cook Strait geschwommen ist, darf das wohl so sehen. Die beiden Amerikanerinnen in meiner Kategorie, Patti Bauernfeind und Barbara Held, sind von ähnlichem Kaliber und in der Langstreckenschwimmer-Welt ebenfalls sehr bekannt. Alle drei würden lange vor mir im Ziel sein, Patti nach nicht mal 8 Stunden - neuer Rekord in unserer Kategorie. Eine fünfte Starterin in unserem kleinen Seniorinnenkreis will in diesem Jahr noch durch den Ärmelkanal schwimmen. Wie ich später hörte, kenterte ihr Boot während des Rennens und sie musste das Rennen leider abbrechen.
Irgendwann wurden wir aufgefordert, ins Wasser zu gehen und uns mit einer Hand an der Stange festzuhalten, die den Nichtschwimmerbereich im Badi markierte. Der See lag flach wie ein Pfannkuchen vor uns, der Himmel war wolkenlos und die Sonne lugte gerade über die Bergkämme hinter uns. Perfekte Bedingungen. Dann kam der Startschuss.
Ich schwamm gemächlich los. Meine Strategie sah vor, die ersten drei Kilometer langsam anzugehen. Und zwar so langsam, dass es sich total lächerlich anfühlt. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich dann immer noch etwa 2,6 bis 2,7 km/h "schnell" bin. Und wenn ich dieses gefühlt niedrige Anfangs-"Tempo" die ganze Zeit durchhielte - Verpflegungspausen hinzugerechnet -, dann könnte ich nach 10,5 bis 11 Stunden in Rapperswil sein. Soweit die Theorie.
Tatsächlich war ich auf den ersten Kilometern dann doch etwas schneller, so um die 2,8-2,9 km/h. Das Boot war zwar schon bald nach dem Start neben mir aufgetaucht, war dann aber einen Tick zu schnell für mich. Röbi brauchte einen Moment, um sich und den Autopiloten seines Bootes auf mein Tempo einzurichten. Nach 60 Minuten war es Zeit für den ersten Verpflegungsstopp.
Ich schnappte mir den von Ines über die Bordwand gehaltenen Becher und ein Gel. Während des Rennens darf der Schwimmer weder das Boot noch eine Begleitperon berühren und natürlich auch nicht an Land gehen. Nach etwa 15 Sekunden Pause steuerte ich weiter auf die erste Landzunge zu. Das heißt, Röbi steuerte das Boot in die richtige Richtung und ich schwamm einfach immer rechts nebenher (ich atme überwiegend nach links). Eiserne Regel bei einem solchen Event ist: Das Boot führt den Schwimmer und nicht umgekehrt. Blöd nur, wenn es doch andersrum ist, wie das in diesem Erfahrungsbericht aus dem Jahr 2011 geschildert wird.
Ich freute mich jedenfalls, dass ich nicht selbst "sichten" musste. Das spart Kraft und sorgt für gleichmäßiges Vorankommen. Außerdem hielt ich die eigentlich etwas zu hohe Anfangsgeschwindigkeit dann doch bei. In der Pause hatte ich bemerkt, dass uns von weiter vorne eine dicke Wolkenwand entgegenkam und wollte Strecke gemacht haben, so lange das Wasser ruhig blieb.
Mit Ines war vereinbart, dass ich alle dreißig Minuten etwa 250ml Wasser, und spätestens nach jeder Stunde auch ein Gel zu mir nehmen würde. Fünf Minuten vorher gab sie mir ein Handzeichen und ich bestätigte durch Kopfnicken, dass ich sie gesehen hatte. So konnte ich die letzten Minuten vor der Pause etwas schneller schwimmen, ich würde dann ja wieder auftanken können. Und außerdem blieb mir so genug Zeit, um Wünsche anzumelden. Also rief ich "Gel und Wasser und Sonnencreme!" (letzteres als Spray, Körperkontakt war ja nicht erlaubt) oder "Tee und Tuc und Gel" oder "Eiweißriegel und Wasser und Tee". Meist blieb es aber doch bei Gel und Wasser, in dieser Reihenfolge.
Die ersten beiden Stunden im Wasser lagen hinter mir, ich schwamm in gleichmäßigem Tempo neben dem Boot her, Verständigung und Verpflegung klappten reibungslos. Ab und an atmete ich nach rechts und warf dabei einen Blick auf die pittoreske Landschaft, gelegentlich sah ich auch eines der anderen Boote in der Nähe. Ein paar Mal wurde ich überholt, an den Startnummern auf den Badekappen sah ich, dass das meist Staffelschwimmer waren. Also: Alles war gut. Und etwas eintönig.
Dann plötzlich waren dunkle, tief hängende Wolken über uns, strammer Wind und ziemlich hohe Wellen kamen mir entgegen. Ich musste mich zunehmend ins Zeug legen, um neben dem Boot zu bleiben. Röbi, der bislang mit Ines hinten im Boot stand (der Autopilot machte es möglich), verschwand in der Kabine hinter dem Steuer und Ines streifte sich eine Regenjacke über. Das Wasser wurde immer kabbeliger, der Wind stärker. Es nützte nix, an gemächliches Cruisen war nicht mehr zu denken, ich musste mich richtig anstrengen und konnte nur hoffen, dass das über uns kein Gewitter war. Blitze oder eine Sturmwarnung Stufe 2 (wir waren bei Stufe 1) hätten den sofortigen Abbruch oder zumindest eine Unterbrechung des Events und ein Ende der Zeitwertung bedeutet.
Ich hielt derweil etwas mehr Abstand vom Boot, konnte dadurch mehr sehen und bemerkte, dass einige Kajaks und Ruderboote weit abgetrieben wurden. Ich beneidete weder die Schwimmer noch ihre Crews in den Booten. Röbi und sein Boot hielten eisern den Kurs und spätestens jetzt wurde mir klar, dass ich mit ihm riesiges Glück hatte. Und da begann die Sache Spaß dann sogar Spaß zu machen.
Inzwischen hatte ich mich auch dem Rhythmus der Wellen angepasst und kam gefühlt gut voran, auch wenn es sehr anstrengend war. Aber ich hoffte, dass der Wind bald weniger werden und meine Kraft reichen würde, um vor dem Zeitlimit ins Ziel kommen zu können.
Irgendwann winkte Ines mich wieder näher zum Boot. Die Wolken waren noch dunkel, aber der Wind hatte etwas nachgelassen und das Wasser wurde ruhiger. Etwas später, ich hatte kein Zeitgefühl mehr, passierten wir den 1. Cut-off-Punkt in Meilen. Ich wusste, dass wir kurz danach an den querenden Fähren vorbei mussten. Ich hatte Glück: Wir konnten ohne Warterei weiterschwimmen. Und damit waren die ersten 14 Kilometer nach 5:20 Stunden geschafft.
Ich lag für die Umstände und meine Verhältnisse also ganz gut in der Zeit. Allerdings merkte ich, dass ich deutlich langsamer wurde. Die etwa 1,5 Stunden in Wind und Wellen zollten ihren Tribut. In den nächsten ungefähr zwei Stunden kam ich kaum voran. So kam es mir jedenfalls vor. Die Landschaft rechts von mir schien sich kaum zu verändern und als Ines mir zurief, dass es 15 Uhr sei, fing ich an zu rechnen. Eigentlich hätte ich um diese Zeit etwa anderthalb bis zwei Kilometer weiter sein müssen. Wenn ich so weitermachte, könnte es mit dem Zeitlimit knapp werden. Dann tat auch noch der linke Oberarm kurz unterhalb der Schulter weh. Und ich hatte plötzlich den Eindruck, dass Röbi nicht mehr auf der Ideallinie fuhr. Wenn dem so war, hatte er bestimmt einen guten Grund. Und ich vielleicht eine Erklärung, warum ich so langsam war. Dann fiel mir auch noch ein, dass ich beim letzten Stopp nur Schwarztee und zwei Cracker zu mir genommen hatte. Ich fragte mich, ob das zu wenig gewesen war.
Beim nächsten Verpflegungsstopp stellte sich dann heraus, dass ich Ines vorher falsch verstanden hatte. Jetzt erst war es 15 Uhr. Wir waren also voll im Zeitplan und meine Wunschzeit von 10,5 Stunden noch erreichbar. Und natürlich fuhr Röbi keine Umwege. Ich griff nach dem Becher mit dem Wasser und nach dem Gel. Gegen die andauernden Schmerzen im Oberarm forderte ich eine halbe Stunde später eine Ibuprofen an, die ich mit Wasser, einem Stück Eiweißriegel und Gel runterspülte. Zum ersten Mal überhaupt in meiner Schwimmgeschichte nahm ich beim Schwimmen einen Entzündungshemmer. Eine weitere Tablette hätte ich mir nicht erlaubt nach allem, was ich über Entzündungshemmer und Ausdauersport gelesen habe.
Ich kraulte nun auch wieder etwas zügiger vor mich hin - und es ging mir gut. Das Missverständnis mit der Zeit war geklärt, die Schmerzen verschwanden, ich kam gut voran und der Himmel war erneut wolkenlos. Ein- oder zweimal sprang Ines auf der anderen Seite des Bootes ins Wasser und kletterte wenige Minuten später wieder an Bord. Röbi tat es ihr irgendwann nach und Ines hütete für wenige Minuten das Steuer. Ich grinste vor mich hin. Eine Toilette gabs an Bord nun mal nicht.
"Es dauert so lange, wie es dauert" und "Ich bin da, wenn ich da bin" murmelte ich gelegentlich und eher prophylaktisch vor mich hin. Es funktionierte: Ich schwamm zuversichtlich und geduldig vor mich hin, von Verpflegungsstopp zu Verpflegungsstopp. Die Intervalle hatte ich inzwischen auf 25 Minuten verkürzt.
Immer wieder mal dachte ich unterwegs an Susan Taylor, die englische Schwimmerin, die wenige Wochen zuvor im Ärmelkanal zusammengebrochen war und starb. Es scheint immer noch unfassbar. Ich hatte sie im April beim Langstreckentraining kennengelernt und ihr Training seither auf Facebook und Twitter verfolgt. Sie machte einen fitten Eindruck und freute sich auf ihre Ärmelkanalquerung. Außerdem war sie eine sehr sympathische, fröhliche Frau und ihr Faible für die Farbe lila war ständiger Anlass für Geschmunzel und Gelächter. Alles an ihr schien lila zu sein: Uhr, Mütze, Jacke, Handtücher,... Deshalb fiel meine Wahl am Sonntag auf einen Badeanzug mit hohem Lila-Anteil. Bin mir fast sicher, dass Susan irgendwann auch am Zürichseeschwimmen teilgenommen und es sehr genossen hätte. Aber leider sollte es nicht sein.
Ich dachte aber auch an all die Leute, die mir an diesem Tag die Daumen drückten. Damit hatte ich eine ganze Weile zu tun und die Zeit verging. Bei den Verpflegungsstopps informierte Ines mich darüber, welche Schwimmer und Staffeln in der Nähe waren und was es an Land zu sehen gab. Das Haus von Tina Turner gehörte dazu.
Irgendwann war das Strandbad Tiefenbrunnen, unser Ziel, in Sicht. Auf dem Weg dahin, es waren noch drei Kilometer, überholte ich noch eine Staffel und einen Einzelschwimmer und dann rief Ines mir zu, dass wir fast da seien. Die letzten 150 Meter darf das Boot wegen der vielen Badegäste nicht mitfahren. Also schwamm ich allein auf die Ausstiegsstelle zu - und war da.
Ich konnte sogar sofort die paar Stufen hoch aufs Trockene laufen, dort wurden mir eine Girlande aus Kunstblumen und eine Finishermedaille umgehängt und ein Mikrofon vor die Nase gehalten. Ich antwortete auf ein paar Fragen, an die ich mich nur noch dunkel erinnere. Es ging wohl darum, wie es mir geht (sehr gut) und wie ich es fand (klasse). Dann drückte mir jemand was zu trinken in die Hand und Ines und Röbi tauchten auch wieder auf. Sie hatten das Boot am benachbarten Steg festgemacht. Die beiden sind meine Helden, ohne sie wär ich nicht so problemlos und schnell im Ziel gewesen. Herzlichen Dank, ihr beiden!
Fazit: jederzeit wieder!
Ines kenne ich seit der Schulzeit, wir schwimmen im gleichen Verein und Langstreckenathletin ist sie auch. Sie hat mehrere Langdistanzen im Triathlon gefinisht, etliche Marathons seeehr zügig absolviert, schwimmt viel schneller als ich und Freiwassererfahrung bringt sie auch mit. Außerdem ist sie immer herrlich unaufgeregt und extrem zuverlässig. Als sie vor einigen Monaten anbot, mich während des Events vom Boot aus zu betreuen, sagte ich sofort ja.
Kurz vor dem Start plauderten wir noch ein wenig mit Heather Osborne, einer Neuseeländerin, die auch in meiner Kategorie startete (Frauen über 40 ohne Neoprenanzug). Heather sah die ganze Angelegenheit locker, für sie sei der Zürichsee "like a pool". Jaaa, wer zu den bislang gerade mal 88 Leuten gehört, die erfolgreich durch die Cook Strait geschwommen ist, darf das wohl so sehen. Die beiden Amerikanerinnen in meiner Kategorie, Patti Bauernfeind und Barbara Held, sind von ähnlichem Kaliber und in der Langstreckenschwimmer-Welt ebenfalls sehr bekannt. Alle drei würden lange vor mir im Ziel sein, Patti nach nicht mal 8 Stunden - neuer Rekord in unserer Kategorie. Eine fünfte Starterin in unserem kleinen Seniorinnenkreis will in diesem Jahr noch durch den Ärmelkanal schwimmen. Wie ich später hörte, kenterte ihr Boot während des Rennens und sie musste das Rennen leider abbrechen.
Irgendwann wurden wir aufgefordert, ins Wasser zu gehen und uns mit einer Hand an der Stange festzuhalten, die den Nichtschwimmerbereich im Badi markierte. Der See lag flach wie ein Pfannkuchen vor uns, der Himmel war wolkenlos und die Sonne lugte gerade über die Bergkämme hinter uns. Perfekte Bedingungen. Dann kam der Startschuss.
Ich schwamm gemächlich los. Meine Strategie sah vor, die ersten drei Kilometer langsam anzugehen. Und zwar so langsam, dass es sich total lächerlich anfühlt. Aus Erfahrung weiß ich, dass ich dann immer noch etwa 2,6 bis 2,7 km/h "schnell" bin. Und wenn ich dieses gefühlt niedrige Anfangs-"Tempo" die ganze Zeit durchhielte - Verpflegungspausen hinzugerechnet -, dann könnte ich nach 10,5 bis 11 Stunden in Rapperswil sein. Soweit die Theorie.
Tatsächlich war ich auf den ersten Kilometern dann doch etwas schneller, so um die 2,8-2,9 km/h. Das Boot war zwar schon bald nach dem Start neben mir aufgetaucht, war dann aber einen Tick zu schnell für mich. Röbi brauchte einen Moment, um sich und den Autopiloten seines Bootes auf mein Tempo einzurichten. Nach 60 Minuten war es Zeit für den ersten Verpflegungsstopp.
Ich schnappte mir den von Ines über die Bordwand gehaltenen Becher und ein Gel. Während des Rennens darf der Schwimmer weder das Boot noch eine Begleitperon berühren und natürlich auch nicht an Land gehen. Nach etwa 15 Sekunden Pause steuerte ich weiter auf die erste Landzunge zu. Das heißt, Röbi steuerte das Boot in die richtige Richtung und ich schwamm einfach immer rechts nebenher (ich atme überwiegend nach links). Eiserne Regel bei einem solchen Event ist: Das Boot führt den Schwimmer und nicht umgekehrt. Blöd nur, wenn es doch andersrum ist, wie das in diesem Erfahrungsbericht aus dem Jahr 2011 geschildert wird.
Ich freute mich jedenfalls, dass ich nicht selbst "sichten" musste. Das spart Kraft und sorgt für gleichmäßiges Vorankommen. Außerdem hielt ich die eigentlich etwas zu hohe Anfangsgeschwindigkeit dann doch bei. In der Pause hatte ich bemerkt, dass uns von weiter vorne eine dicke Wolkenwand entgegenkam und wollte Strecke gemacht haben, so lange das Wasser ruhig blieb.
Mit Ines war vereinbart, dass ich alle dreißig Minuten etwa 250ml Wasser, und spätestens nach jeder Stunde auch ein Gel zu mir nehmen würde. Fünf Minuten vorher gab sie mir ein Handzeichen und ich bestätigte durch Kopfnicken, dass ich sie gesehen hatte. So konnte ich die letzten Minuten vor der Pause etwas schneller schwimmen, ich würde dann ja wieder auftanken können. Und außerdem blieb mir so genug Zeit, um Wünsche anzumelden. Also rief ich "Gel und Wasser und Sonnencreme!" (letzteres als Spray, Körperkontakt war ja nicht erlaubt) oder "Tee und Tuc und Gel" oder "Eiweißriegel und Wasser und Tee". Meist blieb es aber doch bei Gel und Wasser, in dieser Reihenfolge.
Die ersten beiden Stunden im Wasser lagen hinter mir, ich schwamm in gleichmäßigem Tempo neben dem Boot her, Verständigung und Verpflegung klappten reibungslos. Ab und an atmete ich nach rechts und warf dabei einen Blick auf die pittoreske Landschaft, gelegentlich sah ich auch eines der anderen Boote in der Nähe. Ein paar Mal wurde ich überholt, an den Startnummern auf den Badekappen sah ich, dass das meist Staffelschwimmer waren. Also: Alles war gut. Und etwas eintönig.
Dann plötzlich waren dunkle, tief hängende Wolken über uns, strammer Wind und ziemlich hohe Wellen kamen mir entgegen. Ich musste mich zunehmend ins Zeug legen, um neben dem Boot zu bleiben. Röbi, der bislang mit Ines hinten im Boot stand (der Autopilot machte es möglich), verschwand in der Kabine hinter dem Steuer und Ines streifte sich eine Regenjacke über. Das Wasser wurde immer kabbeliger, der Wind stärker. Es nützte nix, an gemächliches Cruisen war nicht mehr zu denken, ich musste mich richtig anstrengen und konnte nur hoffen, dass das über uns kein Gewitter war. Blitze oder eine Sturmwarnung Stufe 2 (wir waren bei Stufe 1) hätten den sofortigen Abbruch oder zumindest eine Unterbrechung des Events und ein Ende der Zeitwertung bedeutet.
Ich hielt derweil etwas mehr Abstand vom Boot, konnte dadurch mehr sehen und bemerkte, dass einige Kajaks und Ruderboote weit abgetrieben wurden. Ich beneidete weder die Schwimmer noch ihre Crews in den Booten. Röbi und sein Boot hielten eisern den Kurs und spätestens jetzt wurde mir klar, dass ich mit ihm riesiges Glück hatte. Und da begann die Sache Spaß dann sogar Spaß zu machen.
Inzwischen hatte ich mich auch dem Rhythmus der Wellen angepasst und kam gefühlt gut voran, auch wenn es sehr anstrengend war. Aber ich hoffte, dass der Wind bald weniger werden und meine Kraft reichen würde, um vor dem Zeitlimit ins Ziel kommen zu können.
Irgendwann winkte Ines mich wieder näher zum Boot. Die Wolken waren noch dunkel, aber der Wind hatte etwas nachgelassen und das Wasser wurde ruhiger. Etwas später, ich hatte kein Zeitgefühl mehr, passierten wir den 1. Cut-off-Punkt in Meilen. Ich wusste, dass wir kurz danach an den querenden Fähren vorbei mussten. Ich hatte Glück: Wir konnten ohne Warterei weiterschwimmen. Und damit waren die ersten 14 Kilometer nach 5:20 Stunden geschafft.
Ich lag für die Umstände und meine Verhältnisse also ganz gut in der Zeit. Allerdings merkte ich, dass ich deutlich langsamer wurde. Die etwa 1,5 Stunden in Wind und Wellen zollten ihren Tribut. In den nächsten ungefähr zwei Stunden kam ich kaum voran. So kam es mir jedenfalls vor. Die Landschaft rechts von mir schien sich kaum zu verändern und als Ines mir zurief, dass es 15 Uhr sei, fing ich an zu rechnen. Eigentlich hätte ich um diese Zeit etwa anderthalb bis zwei Kilometer weiter sein müssen. Wenn ich so weitermachte, könnte es mit dem Zeitlimit knapp werden. Dann tat auch noch der linke Oberarm kurz unterhalb der Schulter weh. Und ich hatte plötzlich den Eindruck, dass Röbi nicht mehr auf der Ideallinie fuhr. Wenn dem so war, hatte er bestimmt einen guten Grund. Und ich vielleicht eine Erklärung, warum ich so langsam war. Dann fiel mir auch noch ein, dass ich beim letzten Stopp nur Schwarztee und zwei Cracker zu mir genommen hatte. Ich fragte mich, ob das zu wenig gewesen war.
Beim nächsten Verpflegungsstopp stellte sich dann heraus, dass ich Ines vorher falsch verstanden hatte. Jetzt erst war es 15 Uhr. Wir waren also voll im Zeitplan und meine Wunschzeit von 10,5 Stunden noch erreichbar. Und natürlich fuhr Röbi keine Umwege. Ich griff nach dem Becher mit dem Wasser und nach dem Gel. Gegen die andauernden Schmerzen im Oberarm forderte ich eine halbe Stunde später eine Ibuprofen an, die ich mit Wasser, einem Stück Eiweißriegel und Gel runterspülte. Zum ersten Mal überhaupt in meiner Schwimmgeschichte nahm ich beim Schwimmen einen Entzündungshemmer. Eine weitere Tablette hätte ich mir nicht erlaubt nach allem, was ich über Entzündungshemmer und Ausdauersport gelesen habe.
Ich kraulte nun auch wieder etwas zügiger vor mich hin - und es ging mir gut. Das Missverständnis mit der Zeit war geklärt, die Schmerzen verschwanden, ich kam gut voran und der Himmel war erneut wolkenlos. Ein- oder zweimal sprang Ines auf der anderen Seite des Bootes ins Wasser und kletterte wenige Minuten später wieder an Bord. Röbi tat es ihr irgendwann nach und Ines hütete für wenige Minuten das Steuer. Ich grinste vor mich hin. Eine Toilette gabs an Bord nun mal nicht.
"Es dauert so lange, wie es dauert" und "Ich bin da, wenn ich da bin" murmelte ich gelegentlich und eher prophylaktisch vor mich hin. Es funktionierte: Ich schwamm zuversichtlich und geduldig vor mich hin, von Verpflegungsstopp zu Verpflegungsstopp. Die Intervalle hatte ich inzwischen auf 25 Minuten verkürzt.
Immer wieder mal dachte ich unterwegs an Susan Taylor, die englische Schwimmerin, die wenige Wochen zuvor im Ärmelkanal zusammengebrochen war und starb. Es scheint immer noch unfassbar. Ich hatte sie im April beim Langstreckentraining kennengelernt und ihr Training seither auf Facebook und Twitter verfolgt. Sie machte einen fitten Eindruck und freute sich auf ihre Ärmelkanalquerung. Außerdem war sie eine sehr sympathische, fröhliche Frau und ihr Faible für die Farbe lila war ständiger Anlass für Geschmunzel und Gelächter. Alles an ihr schien lila zu sein: Uhr, Mütze, Jacke, Handtücher,... Deshalb fiel meine Wahl am Sonntag auf einen Badeanzug mit hohem Lila-Anteil. Bin mir fast sicher, dass Susan irgendwann auch am Zürichseeschwimmen teilgenommen und es sehr genossen hätte. Aber leider sollte es nicht sein.
Ich dachte aber auch an all die Leute, die mir an diesem Tag die Daumen drückten. Damit hatte ich eine ganze Weile zu tun und die Zeit verging. Bei den Verpflegungsstopps informierte Ines mich darüber, welche Schwimmer und Staffeln in der Nähe waren und was es an Land zu sehen gab. Das Haus von Tina Turner gehörte dazu.
Irgendwann war das Strandbad Tiefenbrunnen, unser Ziel, in Sicht. Auf dem Weg dahin, es waren noch drei Kilometer, überholte ich noch eine Staffel und einen Einzelschwimmer und dann rief Ines mir zu, dass wir fast da seien. Die letzten 150 Meter darf das Boot wegen der vielen Badegäste nicht mitfahren. Also schwamm ich allein auf die Ausstiegsstelle zu - und war da.
Ich konnte sogar sofort die paar Stufen hoch aufs Trockene laufen, dort wurden mir eine Girlande aus Kunstblumen und eine Finishermedaille umgehängt und ein Mikrofon vor die Nase gehalten. Ich antwortete auf ein paar Fragen, an die ich mich nur noch dunkel erinnere. Es ging wohl darum, wie es mir geht (sehr gut) und wie ich es fand (klasse). Dann drückte mir jemand was zu trinken in die Hand und Ines und Röbi tauchten auch wieder auf. Sie hatten das Boot am benachbarten Steg festgemacht. Die beiden sind meine Helden, ohne sie wär ich nicht so problemlos und schnell im Ziel gewesen. Herzlichen Dank, ihr beiden!
Fazit: jederzeit wieder!
| Vor dem Start: Mein Pilot Röbi, sein Boot und ich. |
| Früh um sechs Uhr: Schwimmer und Begleitboote sammeln sich im Schlossbad Rapperswil. |
| Das Wetter ändert sich. |
| Unterwegs in Wind und Wellen... |
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| ...und dann wieder bei Sonnenschein. |
| Urkunde und Finishergeschenke. |
| Legendär, vegan, lecker. Die Verpflegung im Ziel. |
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| Mein Dreamteam. |
| Die Swimmap, Teil I. |
| Swimmap, Teil II. |


Hallo Stella,
AntwortenLöschenda bekommt man fast Lust, so etwas mal selber zu machen. Jedoch denke ich, dass der Aufwand in der Vorbereitung darauf doch extrem ist. Vielleicht kannst du mal die km und Zeiten auflisten, die du im Vorfeld absolviert hast.
Ansonsten nochmal herzlichen Glückwunsch zu dieser grandiosen Leistung.
Wir sehen uns dann in Haar beim 24h Schwimmen.
Viele Grüße
Matthias
Hallo Matthias, herzlichen Dank nochmal! :) Und die Vorbereitungskilometer liste ich auf, sobald ich dazu komme. Danke Dir für die Anregung.
AntwortenLöschenBis dahin
Stella